Theater: Die Alptraumrolle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Theater Die Alptraumrolle

Louisa Stroux spielt am Bochumer Schauspielhaus die geschändete Tochter des Titus Andronicus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lavinia ist eine schöne, kluge, junge Frau, die Tochter des mächtigen Feldherrn Titus Andronicus. Genau das wird ihr zum Verhängnis: Von den Feinden des Vaters wird sie "geschändet", das heißt: Man vergewaltigt sie, schneidet ihr die Zunge raus und hackt ihr die Hände ab. Zwei Männer gegen eine Frau. Keine Traumrolle. Eher eine Alptraumrolle.

"Ich habe beim ersten Lesen auch geschluckt", sagt Louisa Stroux. Die 29-Jährige spielt die Lavinia in Botho Strauß' "Schändung", einer Neufassung von Shakespeares fürchterlichem Drama. In der Inszenierung von Intendant Elmar Goerden kommt das Stück Mitte April am Bochumer Schauspielhaus heraus, mit Bruno Ganz als Titus. Der Theaterstar Ganz hatte die Rolle vor einem Jahr schon mal probiert, bei Claus Peymann in Berlin. Aber die Herren trennten sich nach kurzer Zeit, wegen "künstlerischer Differenzen".

Louisa Stroux beschäftigen im Moment allerdings andere Probleme: Wie viel Grausamkeit kann man zeigen auf der Bühne? Wo ist die Grenze - die für sie selbst, die für die Zuschauer und die des guten Geschmacks? "Wir sind noch am Suchen", sagt Stroux. Nur eins sei klar: "Wenn es mehr ums Schockierende als ums Berührende geht, dann interessiert es mich nicht mehr." Sie sagt das mit einer sanften, melodiösen Stimme, die gut zu ihrer mädchenhaften Ausstrahlung und den melancholischen dunklen Augen passt.

Hinter dieser Zartheit aber verbirgt sich eine große Kraft. Die hat die Wienerin schon bewiesen, als sie sich gegen gutgemeinte Warnungen aus ihrer Theaterfamilie über die Härte des Berufs- ihr Großvater war der legendäre Düsseldorfer Nachkriegsintendant Karl Heinz Stroux, ihr Vater ist Burgschauspieler - durchsetzte und als 19-Jährige am Salzburger Mozarteum aufgenommen wurde. Auch als Antigones von allen unverstandene Schwester Ismene, in der Bochumer Inszenierung von Tina Lanik, ist etwas von dieser Kraft zu spüren: Da taumelt Stroux über die Bühne, die Locken fallen ihr ins Gesicht. Dahinter blitzen Augen auf voll von Verzweiflung, Wut, Trotz, Trauer, alles zugleich. Es wirkt wie eine Rollenstudie für die Lavinia. "An der Lavinia", sagt Stroux, "fasziniert mich vor allem diese Lebensgier, die aus der Zerstörung heraus entsteht."



Schändung. Premiere am 12.4. im Bochumer Schauspielhaus, Tel. 0234/33 33 55 55.