Theater: Dorothee Hartinger - DER SPIEGEL
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Theater Dorothee Hartinger

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Sie steht da und wartet. Aber ist sie das wirklich? Das Gretchen müsste doch von einer blonden Schauspielerin gespielt werden, das Haar zu Zöpfen geflochten. Dorothee Hartinger, 29, schüttelt die dunkelbraunen Locken und redet gleich drauflos: "Die Rolle ist so populär, dass die Zuschauer sie von vorn bis hinten mitsprechen können: ,Meine Ruh' ist hin ...'" Das sei das Problem: "Es liegt mir nichts daran, das zum hundertsten Mal vorzutragen und ein paar Worte so zu betonen, wie sie noch keine Schauspielerin betont hat. Ich muss darum kämpfen, dass die Zuschauer sich das mit möglichst viel Naivität ansehen." Hartinger, spielt das Gretchen im großen Expo-"Faust"  . Regisseur Peter Stein will das gesamte Werk, Teil I und II, in einer 21-stündigen Mammutinszenierung auf die Bühne bringen. Als die Schauspielerin den "Faust" vor den Proben las, wollte sie das Gretchen anlegen wie eine moderne Figur. Es ärgert sie, dass die meisten klassischen Dramatiker den weiblichen Figuren nichts anderes zugestehen, als in der Stress-Situation wahnsinnig zu werden. Stein hat sein Gretchen dennoch überzeugt, dem Text treu zu bleiben und ein armes, unschuldiges, in seiner Liebe opfermutiges Mädchen zu spielen. "Stein ist mein Meister, dem folge ich", sagt die Schauspielerin und gerät ins Schwärmen: "Er weiß so unendlich viel über das Theater, hat sehr bestimmte Vorstellungen von jeder Szene des ,Faust' und ist trotzdem nicht despotisch." Hartinger weiß, dass sie alle gegen Erwartungen anspielen müssen: "Viele erwarten von der Expo 2000 das ultimative ,Faust'-Spektakel. Aber Stein will Geschichten erzählen, und das mit einfachen Mitteln." Die Schauspielerin lernte den Regisseur 1994 bei den Salzburger Festspielen kennen und war bei ihm seitdem u.a. die Anja in Tschechows "Kirschgarten" und das Malchen in Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Aufgewachsen ist Dorothee Hartinger in der Nähe von Regensburg. Nach dem Abschluss an der Münchner Falckenberg-Schule war sie fünf Jahre am Schauspiel Frankfurt engagiert, dann ein Jahr am Hamburger Thalia Theater. "Je älter man wird, desto schwerer wird diese nomadische Lebensform. Und mit der Familienplanung ­ mei, das ist alles nicht so einfach." Hartinger vergleicht den Faust mit einem altgewordenen Single, der ein Projekt nach dem anderen verfolgt, aber nicht lieben kann und sich wahnsinnig danach sehnt, es zu können. "Die Figur ist sehr heutig, weil sie diesen rastlosen Individualismus verkörpert. Wer wünscht sich denn nicht, an eine große Sache zu glauben, einem Menschen ganz zu vertrauen?" Eva Corino


"Faust I und II", Premiere am 22./23.7. im Expo-Theater Hannover. Bis 17.9., Tel. 0/2000.