Theater-Ereignis mit Isabelle Huppert Endstation Borderline
Schauspielerin Huppert als Blanche DuBois: Zwang, Irritation, schreckliche Einsamkeit
Foto: Pascal Victor/ dpaWie in einer Peepshow sitzt die schöne, gefeuerte Französischlehrerin Blanche DuBois zu Beginn in einem schwarzen Spitzenbody hinter Glas. Und jedem, der ihr dabei zusieht, wie sie sich dort nervös die Arme und Beine aufkratzt, ist sofort klar: Dieser gläserne Käfig ist an allen Ecken und Enden zu eng! Auch wenn er im riesigen Haus der Berliner Festspiele die gesamte Bühnenbreite einnimmt. Denn die französische Schauspielerin Isabelle Huppert ("Die Klavierspielerin") macht Blanche, die Borderline-Figur aus Tennessee Williams' Südstaatendrama "Endstation Sehnsucht", zu einem Ereignis, das sämtliche Kategorien sprengt.
Zu Beginn lallt, quetscht, schreit sie Kinderreime aus einem Chanson von Claude Roy aus sich heraus. "Wunder, die Papa dir übersetzt", werden da versprochen. Und sicher: Hupperts verzerrtes Gesicht, das gleichzeitig in Video-Großaufnahme zu sehen ist, erzählt in diesem Moment mindestens 20 verschiedene Geschichten. Von Zwang, Irritation, ziemlich tiefen Wunden, schrecklicher Einsamkeit. Nur eine Geschichte von Wundern ist natürlich nicht dabei.
Der polnische Regiestar Krysztof Warlikowski - 1962 in Szczecin geboren und als Künstler längst in der internationalen Champions League zu Hause - hat den Tennessee-Williams-Klassiker mit dem Originaltitel "A Streetcar Named Desire" neu bearbeiten lassen. Die Fassung, die der Dramatiker Wajdi Mouawad für seine Inszenierung am Pariser Théâtre de l'Odéon erarbeitete, heißt schlicht "Un Tramway" und verzichtet konsequent auf Südstaatenkolorit und antiquierten Gefühlsschwulst. Wie gut diese Entstaubung dem Drama tut, ist jetzt auch bei der Deutschlandpremiere im Rahmen der "Spielzeit Europa" zu sehen. Die Berliner Festspiele, die dieses Festival ausrichten, gehören zu den Co-Produzenten von Warlikowskis Inszenierung.
Größtes Genie in der Unterhose
Mit radikalen Regie-Entscheidungen gewinnt der 48-Jährige Warlikowski der schwermütigen Blanche DuBois neue Facetten ab. Das beginnt schon damit, wie Huppert als hochenergetische Erscheinung in wechselnden Roben von Christian Dior oder Yves Saint Laurent auf halsbrecherisch hohen Absätzen durch die unwürdige Bude ihrer Schwester Stella (Florence Thomassin) hüpft. Zu ihr hat sich die Ex-Pädagogin geflüchtet, nachdem sie aus ihrer Heimatstadt wegen sexueller Selbstfindungstrips, unter anderem mit einem ihrer Schüler, regelrecht ausgewiesen worden war.
Stella, der Blanche die wahren Gründe ihres Besuchs natürlich verschweigt, lebt mit dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski (Andrzej Chyra) zusammen: Einem Proleten, der gern mit rohem Fleisch hantiert und dessen größtes Genie - wie es in Mouawads Neuübersetzung heißt - in der Unterhose steckt. In diesem animalischen Typen, der Marlon Brando in Elia Kazans Verfilmung von 1951 zu Weltruhm verhalf, findet die empfindliche Tochter aus besserem Hause ihren brutalen Gegenspieler: Als Stanley von Blanches früheren sexuellen Eskapaden erfährt, vernichtet er sie mit psychischer und physischer Gewalt. Blanche endet in der Psychiatrie.
Dass es Krzysztof Warlikowski gelingt, dieses über 60 Jahre alte Stück mitsamt seiner rigiden Sexualmoral so heutig wirken zu lassen, verdankt sich gleich mehreren guten Ideen seines Teams. Zum einen verzichtet die Ausstatterin Malgorzata Szczesniak auf billige Milieu-Folklore. Stattdessen konfrontiert sie Blanches höhere Töchterwelt mit Stanleys prolligen Neigungen, indem sie den gläsernen Wohnkasten lässig mit einer Bowling-Bahn unterbaut. Auch der permanente Videoeinsatz und die Auftritte der Sängerin Renate Jett katapultieren das Geschehen unmissverständlich in unsere postsentimentale Gegenwart. Und schließlich lädt Warlikowski den Stoff zu einer Art Universaldrama auf, in dem es vor Fremdtexten und Querverweisen nur so wimmelt.
Zu laut, zu leise, zu schön, zu betrunken
Zugegeben: Mitunter wirkt es etwas überstrapaziert und allzu ehrgeizig, wenn sich neben Blanche, Stella und Stanley auch ständig Hochliteratur-Personal von Sophokles' König Ödipus bis zu Oscar Wildes Salome auf der Bühne die Hand reicht - und es führt auch zu einigen Längen in der zweieinhalbstündigen Inszenierung. Aber andererseits weiß Isabelle Huppert mit dieser Figuren-Entgrenzung derart stilsicher umzugehen, dass sich Warlikowskis Konzept letztlich doch rechtfertigt.
Völlig unsentimental und gerade dadurch in gnadenloser Härte, zeichnet die Schauspielerin weit über Williams' Stück hinaus das Psychogramm eines Menschen, der immer zwei, drei Millimeter neben jener Spur läuft, in der gerade alle anderen prächtig fahren: Zu laut, zu leise, zu schön, zu betrunken, zu nüchtern, zu weit weg, zu nah dran. Huppert spielt all das mit der Selbstverständlichkeit einer Unbedarften, die von dieser Nebengleisigkeit ihres Lebens nicht die leiseste Ahnung zu haben scheint. Bis sie an der Härte ihrer Umwelt zerbricht. Nicht laut, sondern ganz still. Die Huppert implodiert einfach. Und wie! Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass man Blanche DuBois so noch nie gesehen hat.
Nächste Termine: So., 21.11.; Di., 23.11.; Mi., 24.11.; Do., 25.11.; Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne