Theater Ernst M. Binder
r kommt zu spät, aber er hat einen guten Grund: Eine seiner drei alten Damen wollte alles hinschmeißen nicht mehr diese Unmengen Text lernen, nicht mehr diese Aufregung vor der Premiere, einfach die wohlverdiente Ruhe genießen. Aber ohne Lore Tappe, 66, geht es nicht. Das weiß sie so gut wie ihr Regisseur Ernst M. Binder.
Und so hat Binder, der mit seinem warmen, etwas traurigen Blick, dem langen Zopf und der schwarzen Arbeitskluft wie ein zu alter Zivi aussieht, sich geduldig die Sorgen seiner Schauspielerin angehört und ihr die Idee wieder ausgeredet.
Lore Tappe bildet mit Gretel Müller-Liebers und Ute Kämpfer das famose Trio aus den "Totentrompeten", jenem Stück von Einar Schleef, das in knapper Sprache und mit viel liebevoller Bosheit von drei DDR-Rentnerinnen erzählt.
Binder hat die "Totentrompeten" 1995 in Schwerin uraufgeführt. Es gab viel Lob für das Stück zum großen Teil ist das das Verdienst des Regisseurs. Er trug den Text sechs Jahre lang mit sich herum, bis er endlich die richtigen Schauspielerinnen fand. "Die Damen sollten sich kennen, eben wie Nachbarinnen und außerdem mussten sie proletarisch sein."
Nach der großen Resonanz war der Autor Schleef plötzlich überzeugt, dass es weitergehen musste mit Trude, Elly und Lotte. So kam 1997 der zweite Teil der "Totentrompeten" heraus. Und nach langem Warten hat Schleef nun auch den dritten, den "Komödienteil" fertig: Am 16. November zeigt Binder in Schwerin die Uraufführung von "Deutsche Sprache Schwere Sprache".
Binder, 47, ist ein Workaholic. Fünf Inszenierungen hat er allein in der vergangenen Saison gemacht; nebenbei ist er in seiner Heimatstadt Graz Intendant des "Forum Stadtpark Theaters". "Die Arbeit ist meine Ersatzdroge", sagt der Regisseur, der jahrelang heroinabhängig war, bis er sich 1981 für zwei Jahre als Olivenbauer nach Kreta zurückzog.
Binder ist heute mit Dea Loher verheiratet, einer der erfolgreichsten Dramatikerinnen in Deutschland. Ihr zuliebe lebt der Regisseur in Berlin: "Sehr laut, aber für Dea ist diese Umgebung wichtig, sie braucht ja etwas, worüber sie schreiben kann."
Nach der Premiere im November will Binder sich eine Zeit lang zurückziehen, um "mal wieder zu denken, nicht immer nur zu machen". Aber es soll irgendwann einen vierten Teil der "Totentrompeten" geben natürlich nur, wenn alle mitspielen: Wenn Schleef den Text vom Kopf aufs Papier bringt, Binder nicht beim Denken bleibt und die drei Damen bereit sind, sich den ganzen Stress noch mal anzutun.
Anke Dürr
Uraufführung am 16.11. im E-Werk des Staatstheaters Schwerin, Tel. 0385/ 530 01 23. Grazer Premiere am 25.11. im Forum Stadtpark Theater. Auch 26., 27., 29.11., Tel. 0043/316/800 00.