Theater Essen Der Judaskuss
Die Gedanken rasen in Robbies Hirn. Der Freund muss weg, raus aus der Stadt, rein in die Kutsche, zum Zug, zum Schiff. Aber Oscar Wilde will sich unbedingt noch von seinem Geliebten verabschieden, dem egomanischen jungen Lord, der ihn in alles hineingerissen hat, den Prozess, die bevorstehende Verhaftung. Robbie hat Angst vor diesem Gespräch. Er ahnt, dass Oscar tun wird, was Lord Alfred, den alle "Bosie" nennen, will. Robert Ross könnte heulen,brüllen, flehen. Aber er zwingt sich zur Ruhe, zittert ein wenig, scheint kurz vor der Implosion zu stehen. Und dann sagt ihm dieser Bosie auch noch: "Das Leben hat dir die einfachste Rolle zugeteilt. Die des Dritten. Robbie, die Rolle des Dritten kann jeder spielen. Dazu braucht man kein echtes Talent. Du spielst sie perfekt, aber denk dran: es ist eine unbedeutende Rolle." David Hares neues Stück "Der Judaskuss" ist nicht nur ein Abend über Abhängigkeit und Verrat, über die letzten Jahre des Dichters Oscar Wilde. Es ist auch die Tragödie des Dritten, des vernünftigen, gutherzigen Robbie, der gerade weil er so vernünftig und gutherzig ist, keine Chance hat im Spiel der großen Leidenschaften.
David Hare ist einer der gefragtesten Bühnen- und Drehbuchautoren in England und den USA. Bei ihm brauchen die Zuschauer keine Vorkenntnisse. Alles, was für das Verständnis der Handlung wichtig ist, wird auf der Bühne erklärt. Hares Kunst ist, seine Themen so attraktiv zu verpacken, dass niemand sich belehrt fühlt. Er schreibt pointiert und spannend, ohne dabei jemals die Gefühle an den Effekt zu verraten. Dabei bleibt Hare formal konservativ. Auch "Der Judaskuss" ist ein typisches Konversationsstück, in dem Menschen stehen, sitzen und reden. Wenn es den Begriff des "well made play" nicht schon lange gäbe, müsste er für die Stücke des 52jährigen David Hare erfunden werden.
Zwei Episoden aus Oscar Wildes Biographie erzählt David Hare: Der erste Akt spielt 1895. In London hat eine Hetzjagd auf den schwulen Dichter begonnen. Dahinter steckt der Vater seines Geliebten, der Bosie wieder zurück in die Grenzen der Adelsfamilie holen will. Wilde geht wegen Verleumdung vor Gericht, verliert den Prozess und wird nun selbst angeklagt. Die Polizei zögert seine Verhaftung heraus, um ihm die Möglichkeit zur Flucht zu geben. In seinem Hotelzimmer, dem Ort so vieler lustvoller Nächte, dem Traumrefugium, entscheidet Wilde, in England zu bleiben. Er kann von Bosie nicht lassen und hofft, ihn so schneller wieder zu sehen. Trotzdem verlässt ihn der junge Lord, um nicht von der Polizei mit dem bekannten Homosexuellen erwischt zu werden. Nur der redliche Robbie bleibt bei Oscar. Zwei Jahre später wiederholt sich der Verrat: Wilde hat eine Gefängnisstrafe abgebüßt. Sofort reist er zu Bosie, der inzwischen in Neapel residiert und sich mit schmucken italienischen Fischern vergnügt. Wilde bricht mit seiner Familie und den letzten Freunden, gibt alles auf für den Geliebten. Doch der findet keinen Gefallen mehr an dem gealterten, gebrochenen Mann, dessen bissigen Humor er noch nie leiden konnte. Bosie erklärt seine Homosexualität für eine pubertäre Phase und kehrt zu seiner Familie zurück. Wilde wird durch eine Geldabfindung vollends entwürdigt und soll noch Verständnis zeigen. Er fordert zum Abschied einen Kuss auf die Wange, den Judaskuss. Wenn schon der Untergang durch Verrat unausweichlich ist, dann wenigstens mit Niveau.
Der Essener Schauspielintendant Jürgen Bosse ist ein unauffälliger Regisseur. Durch besondere Fantasie hat er noch nie geglänzt, aber Stücke, die ein solides, handwerkliches Arrangement erfordern, sind sein Metier. In Wolf Münzners grandios zwischen Realismus und Traumwelt oszillierenden Bühnenbildern führt Bosse seine Schauspieler zu präziser Psychologisierung. Hannes Fischer zeigt Oscar Wilde als einen verzweifelten Mann, der um seine Souveränität kämpft. Seine Gefühle auf dem Niveau von Groschenromanen darzustellen, fände dieser Ästhet zu abgeschmackt. Der Stil ist ihm das Wichtigste. Sekundenlang gestattet er sich ein Greinen und Schluchzen, die große theatralische Geste, dann hat er sich sofort wieder in der Gewalt. Verhaftet werden will er beim letzten Abendmahl. Wilde inszeniert sich ständig selbst, und die große Leistung von Hannes Fischer ist es, hinter all den Manierismen die wahrhaftigen Gefühle, die große Verletzlichkeit Wildes zu zeigen. Wolfram Bölzles Lord Alfred ist eindimensionaler, aber das liegt am Stück. Die Sympathien Hares sind eindeutig verteilt, spätestens in Neapel ist Bosie eindeutig der Böse. Und was für Wilde noch schlimmer ist: sein Geliebter ist banal. Auch in Neapel taucht Robbie auf, der einen letzten Rettungsversuch startet. Diesmal kann er sich nicht beherrschen, er schreit auf, zerbricht fast an Oscars Gleichgültigkeit, spürt den Willen des Dichters, lieber zu sterben als seine Liebe aufzugeben. Wieder kann Robbie, den Axel Holst überragend intensiv spielt, nichts ausrichten, er ist eben nur der Dritte.
Die nächsten Vorstellungen: 22. und 29. Januar, 10., 19.und 29. Februar immer 19.30 Uhr, 27. Februar 19 Uhr im Grillo-Theater Essen. Karten: 0201 - 8122 200.