Theater: "Geschundene Seele" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Theater "Geschundene Seele"

Der Regisseur Ulrich Mühe über seine Inszenierung des Heiner-Müller-Stücks "Der Auftrag"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

KulturSPIEGEL:

Herr Mühe, Sie haben Ihrem Freund Heiner Müller vor seinem Tod versprochen, ihm an seinen runden Geburtstagen jeweils ein Geschenk zu machen. Am 9. Januar 2004, zu seinem 75. Geburtstag, inszenieren Sie nun sein Stück "Der Auftrag". Warum gerade diese Parabel über Revolution und Verrat?

Ulrich Mühe: Das Stück passt doch gut in unsere Zeit. Mir geht es dabei weniger um den Verrat als um den Auftrag.

KulturSPIEGEL: Und der wäre?

Mühe: Zu erkennen, dass es mehr gibt als Individualisierung, Politikverdrossenheit und Rückzug aufs Ego-Eiland - zum Beispiel so etwas wie Verantwortung für die Gesellschaft und Interesse am Zustand des Gemeinwesens.

KulturSPIEGEL: Und was ist mit dem "Export" der Revolution, den der Pariser Konvent in Müllers Stück befohlen hatte?

Mühe: Gute Frage. Heute wird ewig um die EU-Verfassung gestritten, es bleibt leider nur der kleinste gemeinsame Nenner der jeweiligen ökonomischen Interessen übrig.

KulturSPIEGEL: Trauern Sie also den großen utopischen Entwürfen nach?

Mühe: Nein. Es ist gut, dass in Europa die ideologischen und religiösen Erregungen abgearbeitet sind. Aber auch die säkulare Zivilgesellschaft braucht zu ihrem inneren Zusammenhalt mehr als Zollfreiheit.

KulturSPIEGEL: Wie erklären Sie gleichwohl die Sehnsucht nach Ideologie und Religion?

Mühe: Sie verkürzt die komplizierte Wirklichkeit so schön auf verständliche Proportionen und vertröstet die geschundene Seele auf kommende Generationen.

KulturSPIEGEL: Mussten Sie bei der Besetzung für den "Auftrag" viel Überzeugungsarbeit leisten?

Mühe: Gar nicht. Das Interesse an der Inszenierung war ausgeprägt. Inge Keller, Ekkehard Schall, Udo Samel und Herbert Knaup kannte ich. Besonders schön ist, dass die Filmschauspielerin Christiane Paul hier zum ersten Mal auf der Bühne steht.

Reinhard Mohr


Premiere am 9.1. im Haus der Berliner Festspiele, Tel. 030/25 48 91 00, www.derauftrag.net