Theater in Argentinien Das Leben ist ein Witz
Buenos Aires - Argentinien kann man auf zwei Quadratmetern erklären. So groß ist die selbst gezimmerte Bühne in dem Wohnzimmer von Martin Policastro. Zwei Holzpaletten, ein schwarzer Vorhang, ein paar Leuchten - das muss reichen für die Kunst des Überlebens mit Kultur. Martin und seine sechs Freunde von der Schauspieler-Gruppe "Veladas Temáticas" laden jeden Sonntagabend in das Wohnzimmer ein, um sich den Frust von der Seele zu spielen und ihren Gästen ein Lachen zu gönnen.
Kultur ist Luxus geworden im Land des Tango und Milonga. "Früher gab es mehr Bühnen als Schauspieler", erzählt Ximena Banús, die einzige Frau in der Truppe. Jetzt spielen die vielen Schauspielstudenten und Profis um ihr Leben, immer auf der Suche nach dem nächsten Job. Argentinien ist theaterverrückt. Neben dem weltberühmten "Teatro Colon" tummeln sich in Buenos Aires unzählige kleine Bühnen und eben auch die Privatveranstaltungen in den eigenen vier Wänden. Jeder, der was auf sich hält, erzählt gerne und ausführlich, dass er zwar Ingenieur, Kellner, Straßenhändler oder sonst was ist, um Geld zu verdienen, ansonsten seine Berufung aber in der Kunst, der Literatur, Musik oder dem Theater sieht.
Jeder ist ein (Überlebens-)Künstler
Anfangs folgten die Wohnzimmerbühnen, wie so vieles in Buenos Aires, nur einem Trend aus Europa: Es war eben cool, zu Hause zu spielen, oder (illegal) eine Bar zu eröffnen, die man nur freitags besuchen kann. Werbung war verpönt, entweder sprach es sich herum und man fand die richtige Klingel in irgendeiner Seitenstraße - oder eben nicht. Inzwischen ist diese Form zu einem Symbol mutiert: Der Rückzug ins Private, die Kunst als inneres Exil, das nur noch mit wenigen zu teilen ist.
Die sieben Schauspieler der "Veladas Temáticas" haben alle eine professionelle Ausbildung. Roberto Megias hat lange in Frankreich gearbeitet. Vor zwei Jahren kam er zurück, aus Heimweh, in dem Vertrauen, dass Argentinien floriert mit der Dollar-Bindung und seine Künstler nicht verhungern lässt. "Ich bin in der Scheiße gelandet", sagt Roberto heute. Das Ersparte, das er mitbrachte, hat seine Bank eingefroren, die wenigen Pesos, die er in bar verdient, reichen bei einem Dollarkurs von 1:3 nicht mehr für ein Ticket zurück nach Frankreich.
Alle sieben nehmen jeden Job, um über die Runden zu kommen. Aber ihr Herzstück sind die Auftritte am Sonntagabend, denn dort spielen und leben sie noch selbstbestimmt. Jede Woche bieten sie ein neues Programm mit zwei Blöcken aus Kurzszenen und Sketchen, die für zwei Stunden das Leben in Argentinien aufs Korn nehmen. Mit viel Improvisation und purer Lust am Spiel verlachen sie alle argentinischen Klischees und Wahrheiten: Die Religiosität, die Arroganz, die fehlende Identität, das Dollarfieber, die Lust an der Psychoanalyse, die Demonstrationen, die (Ver-)Sprecher der Politik, die Alltagserotik.
Jeder Abend steht unter einem neuen Motto, das sich als roter Faden durch alle Szenen zieht: "Die Angst", "Wir sind alle Süchtige", "Reisen", "Paranoia", "Glamour". Sie karikieren argentinische Größen und Sternchen und auch sich selbst. Die Gruppe kassiert keinen Eintritt, weil ihre Fans, vor allem junge Menschen, sonst nicht kommen könnten. Nach den Auftritten stehen sie immer etwas verschämt auf ihren zwei Quadratmetern mit Hüten in der Hand und bitten um ein paar Münzen. Fünf Pesos bleiben in der Regel für jeden übrig, keine eineinhalb Dollar, für eine Woche Vorbereitung und zwei Stunden Auftritt. In der Pause verkaufen sie im Innenhof des Hauses selbst gemachte Pizza und Bier. Sie werfen die Bühnenklamotten ab und sprinten in die Küche, um durch ein Fenster die Speisen rauszureichen: Hungerkünstler mit Geschmack.
Lachen aus dem Off
Wenn sie auf der Bühne stehen, spürt der Zuschauer, das die Schauspieler selbst am meisten Spaß an ihrem Spiel haben. "Lachen befreit, wenn ich nicht mehr lachen kann, muss ich ersticken", sagt Ximena, die hinter der Bühne auch lautstark gluckernd die Aktionen ihrer Kollegen auf den Brettern kommentiert: Lachen aus dem Off, Schnappen nach Luft, wenn das Wasser bis zum Hals steht. Ximenas Lachen zerschneidet die Nacht.
Teilweise war das Lust-Echo aus dem Wohnzimmer so laut, dass Nachbarn von ihren Balkons Glasflaschen in den Innenhof warfen, um sich zu beschweren. Zweimal traf es Besucher, Theaterinfusionen mit Risiken und Nebenwirkungen. Seitdem achtet Martin darauf, dass das Spektakel vor zwölf Uhr beendet ist, was den seltsamen Nebeneffekt hat, dass die Vorstellungen entgegen argentinischer Gewohnheit pünktlich beginnen.
"Ich versuche zu überleben"
Die Zuschauer drängen sich auf zwei Podesten im Wohnzimmer oder kauern sich auf den Boden. Etwas mehr als zwanzig Menschen passen in den Raum, wer zu spät kommt, schaut durchs Fenster oder die Tür zum Innenhof zu: Dabei sein ist alles. Die Szenen werden lautstark kommentiert, Joints kreisen durch die Fangemeinde, Kinder entern die Bühne und fordern das Improvisationsvermögen der Akteure. "Was machst du da?" "Ich versuche zu überleben" "Wie geht das?" "Das wirst du leider noch lernen."
Der argentinische Hang zum Pathos ist den Veladas Temáticas fremd, was ihnen von Kollegen den Vorwurf mangelnder Ernsthaftigkeit einbringt. "Blödsinn", sagt Ximena: "Wir machen uns über das Leben hier lustig. Und was kann ernster sein als das Leben in diesem verrückten Land?"
Egal ob Männerstrip, Sex auf offener Bühne oder minutenlanges Schweigen mit einem Blick ins Nirgendwo: Auf zwei Quadratmetern tragen sie ihre Haut und ihr Innerstes zu Markte. "Das Leben ist ein Witz", sagt Martin. Und wer lacht, zeigt Zähne.