Theater-Intendant Hartmann: Leipziger Allerlei - DER SPIEGEL
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Theater-Intendant Hartmann Leipziger Allerlei

Sebastian Hartmann lässt Theater-Dinosaurier alt aussehen: Der neue Leipziger Intendant will tagesaktuell auf die Weltlage reagieren. Zur Eröffnung der Spielzeit inszeniert er persönlich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer dieser Tage die Homepage des Schauspiels Leipzig ansteuert, sieht eine Urzeit-Landschaft mit Urzeit-Viechern, davor zwei Worte: "Ende Neu". Nach 13 Jahren als Intendant hat Wolfgang Engel, 65, das meist nur mäßig besuchte Haus verlassen. Sein Nachfolger heißt Sebastian Hartmann, 40. Der wehrt sich nun dagegen, dass die neue Homepage allzu schlicht überinterpretiert wird, nach dem Motto: "Der Dinosaurier Engel ist Geschichte." Oder auch: "Das konventionelle Stadttheater stirbt aus."

Die Text-Bild-Kombination sei doch viel offener, in ihr stecke doch viel mehr, sagt Hartmann tiefschürfend. Wieso sehe das bloß keiner? Falls das ernst gemeint ist, ist es natürlich etwas naiv, zumal Hartmann auch andere Signale überdeutlich auf Neubeginn gestellt hat: Das Ensemble hat er verjüngt und dabei fast komplett ausgetauscht; nur fünf seiner Schauspieler waren schon in der vergangenen Saison in Leipzig. Auffallend viele der neuen Hausregisseure sind erst um die 30: Jorinde Dröse, Mareike Mikat, Martin Laberenz und Johannes Schmidt. Zudem hat Hartmann dem alten Schauspielhaus plakativ einen neuen Namen verpasst: Es heißt künftig Centraltheater, nach dem 1902 an selber Stelle eröffneten Vorgängerbau, einem privat betriebenen Amüsiertempel mit Varieté-Abenden, Schwänken und Operetten. Der Name habe offener sein sollen als bislang, sagt Hartmann, da er den Leipzigern mehr bieten wolle als das Genre Schauspiel: auch Diskussionsforen, Konzerte und den Hausphilosophen Guillaume Paoli, den Mitbegründer der Bewegung "Die glücklichen Arbeitslosen". So etwas wie Leipziger Allerlei, im besten Sinne.

Besonders deutlich soll das im kleinen Haus werden, das nun Skala heißt: eine Art permanente Werkstatt, die jeden Tag ab 16 Uhr geöffnet ist. Einen festen Spielplan gibt es dort nicht, um spontan auf politische oder gesellschaftliche Ereignisse reagieren zu können. Die Skala soll ein Ideengeber sein, eine Triebfeder, um das System Theater zu überprüfen. "Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn um 19 Uhr der Vorhang aufgeht, um 21 Uhr wieder zu – und das war's dann", sagt Hartmann. "Das können andere Theater auch besser als wir." Der Intendant sieht sein Theater als Marktplatz, vielleicht auch als Kirche, jedenfalls sehr lebendig.

Bislang sei das Schauspiel Leipzig in der Stadt so gut wie nicht präsent gewesen, sagt er: Manch Taxifahrer, der einen Künstler vom Bahnhof zum Theater bringen sollte, habe nicht einmal den Weg gekannt. "Die Stadt pendelt zwischen Weltmetropole und absoluter Kleinstadt." Der Name Centraltheater kokettiert laut Hartmann damit, selbstironisch aber auch selbstbewusst: ein Metropolentheater abseits der Theatermetropolen Berlin und Wien, München und Hamburg.

Hartmann startet also offensiv in seine erste Saison als Intendant, schließlich hat er ein Heimspiel: Er wurde 1968 in Leipzig geboren, studierte später an der dortigen Theaterhochschule "Hans Otto". 1997 gründete er die freie Schauspielgruppe wehrtheater hartmann, inszenierte später unter anderem an der Berliner Volksbühne. Bekannt ist er für den Versuch, die Grenze zwischen Bühne und Zuschauersaal einzureißen - und die Passivität des Publikums zu durchbrechen. Endgültig berühmt, wenn nicht berüchtigt, wurde Hartmann 2006 durch die sogenannte Spiralblock-Affäre: In einer Frankfurter Inszenierung Hartmanns gerieten der Schauspieler Thomas Lawinky und der "FAZ"-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier aneinander.

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit in Leipzig inszeniert der Intendant persönlich: Sebastian Hartmann kombiniert die "Abendmahlsgäste" von Ingmar Bergman, den "Brand" von Henrik Ibsen und die "Matthäuspassion" nach dem Neuen Testament. In einer der Hauptrollen: Thomas Lawinky. Die Inszenierung ist eingeladen zum Ibsenfestival in Oslo, wo sie am 12. und 13. September im Nationaltheater zu sehen ist, fast eine Woche vor der Leipziger Premiere am 18. September. Noch hat Hartmann dort gar nicht richtig angefangen - und schon ist er unterwegs. Kein schlechter Beginn: Sein Leipziger Allerlei ist gefragt.


Matthäuspassion. Premiere am 18. September um 19 Uhr, weitere Aufführungen am 19., 20. und 27. September, jeweils 19 Uhr, Centraltheater Leipzig , Bosestraße 1, Kartentelefon: 0341/126 81 68.