Theater: Janec Müller - DER SPIEGEL
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Theater Janec Müller

Angebote von Staatstheatern hat er abgelehnt. Er fährt lieber mit dem Scirocco herum, dreht Videos und zeigt sie auf der Bühne.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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ie Grenze zwischen Kunst und Leben einzureißen ist ungefähr das Letzte, was Janec Müller will. Im Leben ist schließlich fast alles für Geld zu haben, und Marktpotenzial, davon ist er überzeugt, könne kein Konzept für Kunst sein. Dann hätte der 28-Jährige ja gleich Unternehmer werden können. Trotzdem interessiert er sich für die Wirtschaft und ihre Gesetze, als Ausgangspunkt seiner Recherche: Wenn der Alltag ökonomisch und die Politik theatralisiert ist, was suchen die Menschen dann noch im Theater? Die Bühne, vermutet Müller, sei "die realere Plattform für Ideen zur Lebenshaltung". Seine Devise heißt: Grenzen ziehen!

Seit drei Jahren leitet Müller "eher so wie ein Bandleader" das Theaterhaus Weimar. Sechs Jahre hatte er sich als Regieassistent verdingt, bevor er 1999 beschloss, "etwas Ernstes zu machen". Gemeinsam mit ein paar Studenten der Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar entstand das Projekt "Gewisse Tendenzen" nach Godard. Seitdem arbeitet die Gruppe an hybriden Performances, die Schauspiel und Video aufs Avancierteste vereinen. Digital manipulierte Bilder sind nicht Dekoration, sondern Handlungsträger in komplexen Situationen. "Die mit Cool ernst machen", lobte das Fachblatt "Theater heute".

Obwohl das Theaterhaus Weimar keine finanzielle Basisförderung erhält, hat Müller drei Angebote von Staatstheatern abgelehnt. "Weil man da schneller im Ziel sein muss, als man laufen kann", erklärt der Verfechter des prozessorientierten Arbeitens.

Derzeit arbeitet er am "Scirocco Project", dessen erster Teil, eine Videoimitation des Genfer Autosalons 1981, bald in Weimar gezeigt wird. Der zweite, bei dem im Scirocco ein Düsseldorfer Industriegebiet erkundet wird, wird beim Festival Theater der Welt uraufgeführt. Der dritte, "Neue Pioniere", entsteht im Herbst aus gesammeltem Material rund um den Verkauf des Autos in Polen.

Den VW Scirocco II, rund 300000- mal verkauft als Sportwagen fürs Volk, stellt Müller als Sinnbild der fetten achtziger Jahre der BRD auf die Bühne. Er selbst hat diese Zeit "als junger Pionier in einer DDR-Vorzeigefamilie" in Thüringen verbracht. Die "deutsche Heimaterfindung im Erlebniskonsum", so Müller, betrieb der Osten ein Jahrzehnt später ­ als die versprochenen "blühenden Landschaften" sich in Autohäusern und Shoppingmalls materialisierten. Von diesem und anderen Missverständnissen will Müller erzählen.

Parallel arbeitet er an einer Inszenierung von Alfred de Vignys "Chatterton" und einer Franz-Jung-Verfilmung mit Hanna Schygulla. Bis die auf die Leinwand kommt, hofft er, ist sein Scirocco längst in Polen gestohlen.

Christiane Kühl


Uraufführung "Scirocco Project I" am 21.3. in Weimar, Tel. 03643/90 53 97.