Theater Leidenschaftlich vital
Sie hat blaue Augen, die ein wenig staunend blicken, und kommt kaum durch einen Raum, ohne Aufsehen zu erregen - ohne Zweifel eine Frage der Präsenz, aber auch der Größe. 1,87 Meter misst die Schauspielerin Anna Böger, 26, was einen Kritiker veranlasste, sie mit einer betrunkenen Giraffe zu vergleichen, die abwesend über die Bühne stakst. Das war in dem Underdog-Drama "Plastilin" und durchaus als Lob gemeint.
In ihrer kurzen Karriere arbeitete Böger schon mit Regie-Größen wie Luc Bondy und Claus Peymann zusammen. Vorletztes Jahr wurde sie dann festes Mitglied der Münchner Kammerspiele; dort spielt sie jetzt unter der Regie von Sebastian Nübling die Elisabeth von Valois in Schillers politischem und privatem Leidenschaftsdrama "Don Karlos" - die Frau also, die dem Titelhelden zum Verhängnis wird.
Die Figur der Elisabeth gefällt der Münchnerin, denn die suche, sagt Böger und gerät in Fahrt, "trotz aller privater Verzweiflung ihren Ort in der Welt, riskiert was, fordert Männer, ist vital und leidenschaftlich". Die Schauspielerin hat ein Faible für solche Frauen: Aufbruch, Ausbruch, Neubeginn, das Scheitern von Liebe kennzeichnen nahezu alle ihre bisherigen Rollen. Derzeit brilliert sie etwa in "Das Fest des Lamms". In diesem Neurosen-Psychothriller gibt Böger die Theodora, die nicht ihren Mann, sondern dessen Bruder liebt, und verkörpert eindrucksvoll, wie diese Frau von glühender Sehnsucht getrieben ist. "Ihr ganzer Leib scheint unter dem Chanel-Kostüm zu vibrieren", jubelte "Theater heute".
Privat wirkt Böger robust und bodenständig. Und ist dabei voller Energie: Neben ihrem Beruf studiert sie Kunstgeschichte, und gern würde sie auch für Film und Fernsehen arbeiten. Am liebsten mit den Regisseuren Andreas Dresen oder Tom Tykwer, die sie bewundert. Sicher ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich für das große, blonde Mädchen etwas Passendes findet.
Angela Gatterburg
"Don Karlos". Premiere am 7.2. in den Münchner Kammerspielen, Tel. 089/23 39 66 00.