Theater Reden gegen die Angst
Die Stimme aus dem Hörer gluckst glücklich. "Der ist richtig klasse! Also, die großen Fragen, die werden jetzt an ihn gerichtet." Manchmal knicke er zwar ein, aber daran sei sie schuld indem sie das Gebläse ausmacht. In Gesine Danckwarts jüngster Arbeit ist ein sieben Meter großer, aufblasbarer Esso-Tiger der Star. Vermutlich, weil er stumm bleibt alle anderen reden nämlich ununterbrochen, und das selten, um etwas mitzuteilen. "Ich kommuniziere alleine, was also streng genommen keine Kommunikation ist", erklärt eine der Figuren: "Hier wird mitgeteilt, da, wo es landet, bin aber schon wieder ich." Immerhin hilft das Sprechen: Man spürt, dass man da ist.
"Heißes Wasser für alle" ist Danckwarts achter Theatertext. Schon ihr Erstling "Girlsnightout" (1999) kassierte viel Lob, "Täglich Brot" (2001) ist nun sogar zu den Mülheimer Theatertagen geladen, wo der wichtigste deutsche Dramatikerpreis verliehen wird. Handlung, Figuren und Entwicklung im klassischen Sinne hat dabei keines der Stücke. Es sind aneinander gereihte Mini-Monologe, "Textmaterial", wie die Berlinerin sagt, im jüngsten Stück sogar ohne festgelegte Chronologie.
Gezeigt werden Menschen, die sich permanent an Ansprüchen von außen messen, die mantraartig Lifestyle- und Lebensbewältigungsphrasen wiederholen und gleichzeitig spüren, dass sie ihr "Verliererzeichen auf der Stirn" nicht weglächeln können. Angst und Alltag. "Die Ansprüche an Biografien werden doch immer härter", sagt Danckwart, 32: "In den Achtzigern konnte man noch sein ganzes Leben in Kreuzberg abhängen, und das war völlig in Ordnung. Heute nicht mehr." Ihr neuer Text sei bitterer als die vorigen. Aber nicht hoffnungslos: "Und doch", heißt es an einer Stelle, "gibt es den einen Tag, und man wacht auf, und es geht einem wirklich so gut, wie man sonst nur weiß, dass es einem gehen sollte." Das sind dann so Tigertage, die glücklich machen.
Christiane Kühl
"Heißes Wasser für alle": 2.5.5., Schauspielhaus Wien, Tel. 0043/1/317 01 01 und 29.31.5., Podewil Berlin, Tel. 030/24 74 97 77. "Täglich Brot": 22.5., Mülheim, Tel. 0208/455 42 22.