Theater René Pollesch
enau genommen ist René Pollesch ein sehr ernster, mit 38 nicht mehr ganz junger Rebell: "Ich würde niemals für ein Abonnentenpublikum spielen", sagt er beispielsweise mit zitronensaurem Gesicht, schon weil "die meisten der Abo-Zuschauer nach fünf Minuten ohnehin gehen würden". Er mache Theater für Leute, die "eigentlich gelangweilt sind vom Theater".
In seinen Stücktexten schreibt Pollesch denn auch nicht wie viele seiner Kollegen über die Innereien der Theaterwelt oder die immer gleichen Familienkonflikte, sondern mehr so über dringliche philosophische Probleme: "Was passiert mit der Sexualität in den Zeiten des E-Kommerzes?" ist eines davon, "Verwandeln wir uns in der schönen neuen Welt des Cyberspace alle in Androiden?" ein anderes.
Ist alles ernst gemeint; dennoch sind Polleschs Theaterabende Orgien des infantilen Klamauks. Die Schauspieler, in seiner Serien-Soap "World Wide Web-Slums" in Hamburg etwa oder in dem Spektakel "Frau unter Einfluss" in Berlin, turnen in bester Partylaune über Jukeboxen und Pferdesättel, sie wälzen sich zu Ennio-Morricone-Sound in Sofakissen oder im Wüstensand, und sie wirken dabei fast immer so krabbelgruppenglücklich, dass das großteils jugendliche Saalpublikum bald mitjauchzt.
Der Regisseur und Autor Pollesch, der in Gießen studiert hat und zu Beginn der Neunziger in Frankfurt für ersten Aufruhr sorgte, hat mittlerweile im Theaterbetrieb einen Ruf wie Synthesizerhall; die Intendanten aller möglichen Theater werben um ihn. Demnächst wird er wohl ein ganzes Jahr lang den "Prater", die Experimentierbude von Frank Castorfs Berliner Volksbühne, übernehmen, fürs Erste inszeniert er in Luzern ein Stück mit dem Titel "Ufos & Interviews" nach dem Film "Blade Runner".
Typisch an diesem Unternehmen ist, dass sich Pollesch von jeher für die Trash-Mythen der fünfziger bis achtziger Jahre begeistert, für Western, Serienquatsch und Science-Fiction, und typisch ist auch, dass das Ergebnis eher wenig mit Ridley Scotts Film und der Buchvorlage von Philip K. Dick zu tun haben wird weil ja der Basisstoff mit seinen Lieblingsthemen Computerscheinwelt und Internet-Hype verwoben werden muss.
Es gibt Leute, die halten Pollesch tatsächlich für einen schlauen Denker, der vom Gehirn- und Identitätsverlust im netzgesteuerten Turbokapitalismus erzählt. Für andere ist er bloß ein durchgeknallter Witzbold, der auf dem Christoph-Schlingensief- und Stefan-Raab-Ticket durch den Theatersubventionsspace rauscht. Fest steht, dass er bei allem Pointengekloppe und lustigen Tiefsinn ein gerissener, mitreißender Entertainer ist und das ist mehr, als man von den meisten jungen Theaterwilden sagen kann.
Wolfgang Höbel
LUZERN
UFOS & INTERVIEWS: Der Autor und Regisseur René Pollesch hat sich ein paar lustige Fragen einfallen lassen, nachdem er Ridley Scotts "Blade Runner" gesehen hatte: Würden Sie einen Emotionstest bestehen? Ist das Lächeln in Dienstleistungsberufen echt? Könnten Sie sich in einen Androiden verlieben? Mal sehen, wie das Theater darauf antwortet.
Premiere am 2.3. im Theater. Auch am 8., 30.3., Tel. 0041/41/210 66 18.