Theater: Schön unperfekt - DER SPIEGEL
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Theater Schön unperfekt

Marlene oder Romy? Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle hat keine Zeit, sich in Vergleichen zu verlieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sei ihr Gesicht, sagen die Theaterleute und die Filmregisseure. Diese feine, klare Kinnlinie, die hohen Wangenknochen - fast wie bei Marlene Dietrich. Sie habe etwas, schreiben die Kritiker, von Romy Schneider. Diese Kamerapräsenz, dieser schöne Körper, diese tiefe, warme Stimme. Romy und Marlene - zwei Mythen, die oft herhalten müssen für junge, hoffnungsvolle deutsche Schauspielerinnen, die das gar nicht mögen. Auch Anne Ratte-Polle nicht. Die 29-Jährige stand auf den Bühnen von Cottbus, Berlin, Düsseldorf und Hannover, wo sie Effi Briest gab und eine hoch gelobte Medea. Nebenbei wollte Peter Stein sie für sein Faust-Projekt, nebenbei drehte sie mit Romuald Karmakar ihre erste Kino-Hauptrolle - in 26 Tagen. Zurzeit probiert sie in Hannover "Plattform" nach dem Roman von Michel Houellebecq, Regie führt Andreas Kriegenburg. Ratte-Polle spielt darin eine Frau, die ihre große Liebe in Thailand trifft. Am Ende wird sie von muslimischen Rebellen in die Luft gesprengt. Sie sei jemand, sagt Ratte-Polle, die ihr Leben so führt, als zünde man eine Kerze an beiden Enden an. Sie findet, das müsse man jetzt so sagen, als junge, deutsche Schauspielerin. Karmakar besetzte sie für "Die Nacht singt ihre Lieder" nach Jon Fosses Drama, weil er das Unperfekte an ihr mag, das Grübchen im Kinn und die rötlich verwachsene Unfallnarbe auf der Stirn. "Die Romy- und Marlene-Schubladen können auf Dauer nur schaden", sagt Karmakar. "Ich sage ihr: Schau dir an, was du machst, dann urteile selber."

Fiona Ehlers


Plattform. Uraufführung am 1.6. im Ballhof Eins des Schauspiels Hannover, Tel. 0511/99 99 11 11. Die Nacht singt ihre Lieder. Kinopremiere im Herbst.