Theater-Tipp "Direkt in die Gedärme"
Wer hat Angst vor Heiner Müller? Im deutschen Theater ganz schön viele, und nicht immer zu unrecht. Schwierig, ideologisch und verdammt düster sind die meisten seiner Werke, und deshalb spielen viele Theater sie am liebsten gar nicht mehr.
Den aus Bulgarien stammenden Regisseur Dimiter Gotscheff, 64, interessiert das nicht. Er hält zu Müller, seinem alten Weggefährten aus DDR-Zeiten, der 1995 starb - und behauptet überzeugend, er habe keine Schwierigkeiten mit der sperrigen Sprache des Dramatikers: "Sie geht direkt in meinen Körper und in meine Gedärme."
Tatsächlich schaffen es wenige, Müllers Texte so stringent auf die Bühne zu bringen. In der vergangenen Saison hat Gotscheff am Deutschen Theater in Berlin "Die Perser" inszeniert, das antike Drama von Aischylos, in einer Nachdichtung von Heiner Müller. Es passiert nicht viel auf der Bühne, selten sieht man Theater so konzentriert auf das Wesentliche: Schauspieler, Sprache, Raum. Die Jury des Fachblattes "Theater heute" hat Gotscheffs "Perser"-Inszenierung gerade zur Inszenierung des Jahres gewählt.
Jetzt bringt Gotscheff, Markenzeichen: graue Mähne vor den Augen und Plastiktüte in der Hand, wieder einen Müller-Text auf die Bühne. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat heute "Die Hamletmaschine" Premiere, ein 30 Jahre altes Stück des Meisters voller persönlicher Anspielungen und Abrechnungen.
Nur drei Schauspieler stehen auf der Bühne: Alexander Khuon, Valery Tscheplanowa - und Dimiter Gotscheff selbst. Sein Schauspieldebüt gab der Regisseur vor zweieinhalb Jahren, zu Müllers 76. Geburtstag, in memoriam. Zusammen mit Sepp Bierbichler und Samuel Finzi hat er damals an der Volksbühne "Philoktet" gespielt - und viele Zuschauer verließen vorzeitig den Raum. Ein Kritiker beschrieb das Ereignis damals als "gewollt dilettantisches Bühnengeschehen, bei dem sich der Nicht-Schauspieler Gotscheff zwar heiser schrie, man aber trotzdem keinen Müller-Vers verstand".
Klingt nicht nach einer Empfehlung? Abwarten. Bei Gotscheff weiß man nie. Er ist nämlich, das sagt er selbst, ein "Balkan-Schlawiner".