Theater Tragödie im Reihenhaus
Medea ist die Rächerin mit dem kalten Herzen: eine Mutter, die ihre Kinder tötet, um den Vater zu bestrafen. Es gibt zahlreiche Varianten dieser antiken Tragödie. Die neueste nennt sich ausgerechnet "Mamma Medea". Eine Provokation und ein Hinweis darauf, dass der belgische Autor Tom Lanoye die Dinge zwischen der Kolcherin Medea und ihrem griechischen Gatten Jason möglicherweise etwas anders sieht.
Lanoye wurde 1999 in Deutschland bekannt, als in Hamburg "Schlachten!" herauskam, seine radikal-geniale Bearbeitung von Shakespeares Königsdramen in der Regie von Luk Perceval. Auch "Mamma Medea" war schon hier zu Lande zu sehen, beim Festival Theaterformen 2002. Die "FAZ" lobte das Stück damals als ein "Drama vom Lieben bis zum Töten, der Anziehung und Abstoßung, der Gegensätze zwischen Wildnis und Kompromiss, Frau und Mann, Fremde und Heimat, Herztreue und Gier, Gefühl und Kalkül".
Nun wird die neue, alte Tragödie gleich an zwei Bühnen gespielt: In Nürnberg inszeniert Georg Schmiedleitner, in Hannover Sebastian Nübling, der 2002 für seine kargkondensierten, sehr auf die Schauspieler konzentrierten Arbeiten mit Auszeichnungen geradezu überhäuft wurde: So war er mit seinem Basler "John Gabriel Borkman" zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen, und bei der "Theater heute"-Umfrage wurde er zum "Nachwuchsregisseur des Jahres" gewählt (obwohl der ehemalige Schauspieler schon 42 ist und seit fünf Jahren inszeniert).
"Das Besondere an Lanoyes Stück ist, dass er auch den ersten Teil erzählt: wie das alles anfing, als ganz große Liebe nämlich", sagt Nübling. "Wo hat man das sonst 20 Jahre Lebensgeschichte in einem Theaterabend?" Aber was so groß beginnt, endet bei Lanoye im Reihenhaus: der Mythos als Familientragödie, wie sie in der Zeitung steht.
ANKE DÜRR
Doppel-Premiere von "Mamma Medea": Hannover, Schauspielhaus, 25.1., Tel. 0511/99 99 11 11; Nürnberg, Schauspielhaus, 25.1., Tel. 01801/34 42 76.