Theater "Utopisch, nicht unmoralisch"
KulturSPIEGEL:
Frau Paulhofer, "Lulu" zeigt die Frau als wildes Tier, der die Männer sexuell hörig sind. Halten Sie das wirklich noch für einen zeitgemäßen Stoff?
Paulhofer: Nein, natürlich nicht. Deswegen liegt meiner Inszenierung auch eine Neubearbeitung des Dramas durch den Autor Moritz von Uslar zu Grunde. Der sagt: "Sex is over." Wedekind hat sein Stück vor über hundert Jahren geschrieben, da konnte man mit Sex noch provozieren und die bürgerliche Doppelmoral entlarven. Heute ist die Doppelmoral voll akzeptiert, wenn nicht karrierefördernd.
KulturSPIEGEL: Worum geht es dann in Ihrer "Lulu"?
Paulhofer: Es geht um das Phänomen Liebe. Um die reine, unbedingte Liebe, nicht die lebbare, mit Kompromissen verbundene. Alle suchen verzweifelt danach, Männer wie Frauen, aber sie ist unerreichbar. Lulu ist die Einzige, die keine Kompromisse akzeptiert.
KulturSPIEGEL: Ist Lulus Handeln in seiner Unbedingtheit unmoralisch?
Paulhofer: Moral ist für mich keine Kategorie. Was sie macht, ist utopisch.
KulturSPIEGEL: Können Sie sich mit ihr identifizieren?
Paulhofer: Ich identifiziere mich mit ihr, ob ich will oder nicht. Sie hat diese Lebensgier. Lulu will ihre Ansprüche nicht herunterdemokratisieren, wie Botho Strauß es ausdrücken würde. Das macht sie verletzlich, und deshalb scheitert sie.
KulturSPIEGEL: Mavie Hörbiger spielt bei Ihnen die Titelrolle. Was hat Sie zu dieser Wahl bewogen?
Paulhofer: Lulu hat für mich etwas Kindliches, aber auch sehr Weises. Das verkörpert Mavie perfekt.
KulturSPIEGEL: Macht es einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann das Stück inszeniert?
Paulhofer: Keine Ahnung. Ich glaube, so was kann man nur von außen beurteilen. Mich hat es nur immer gestört, wenn die Gräfin Geschwitz von Regisseuren als jammrige, vertrocknete Lesben-Karikatur dargestellt wurde. Das ist in Zeiten, in denen Madonna Britney Spears live auf der Bühne küsst, einfach überholt.
Interview: Anke Dürr
Premiere am 18.6. im Bochumer Schauspielhaus. Auch 19. und 22.6., Tel. 0234/333 31 11.