Theater: Vatermord in Vilnius - DER SPIEGEL
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Theater Vatermord in Vilnius

Sozialismus als altes Klettergerüst: Der Litaue Oskaras Korsunovas rechnet mit der Vergangenheit ab.
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Beim Gesellschaftskundeunterricht legte Oskaras Korsunovas gern eine Bibel auf seinen Tisch. Das war in Litauen Mitte der achtziger Jahre, und vorn an der Tafel wurde streng nach Lehrplan Marxismus und Leninismus gepredigt. "Ich provoziere gern, bis heute", bestätigt Korsunovas. "Ungeachtet dessen schätze ich Zufälle, die Erwartungen erschüttern und somit den Geist in Bewegung setzen."

Korsunovas ist mit nur 33 Jahren neben Eimuntas Nekrosius der bekannteste Regisseur Litauens. Und das ist keineswegs zufällig so. Schon seine erste Inszenierung, 1990 als Student in Vilnius eingerichtet, wurde auf Festivals in Edinburgh, Torun und St. Petersburg prämiert. Es folgte ein Senkrechtstart ähnlich dem Thomas Ostermeiers hier zu Lande: Mit "Shoppen und Ficken", "Feuergesicht" und anderen Inszenierungen junger zeitgenössischer Dramatik begeisterte er die Kritik und schaffte es, ein Publikum vor die Bühne zu holen, das sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für so ziemlich alles interessierte ­ außer für Theater. Doch Korsunovas setzte auf kluges, körperbetontes Spiel und die exakt choreografierte Symbiose verschiedenster Stilelemente und kam damit auch bei seinen Landsleuten an.

Da Korsunovas "jede Generation ein Opfer der politischen Manipulation ihrer Vätergeneration" nennt, wundert es nicht, dass Vatermord ein wiederkehrendes Motiv seiner Arbeiten ist. Nun steht mit "König Ödipus" der antike Meister des Fachs auf dem Spielplan des freien Oskaro Korsunovo Teatras. Auf der Bühne überrascht ein Sandkasten, der Chor hängt in einem alten sozialistischen Klettergerüst. Ödipus ähnelt dem neoliberalen Bürgermeister von Vilnius. "Nur durch Analyse der Gegenwart können wir die Vergangenheit begreifen", sagt Korsunovas; eine "archäologische Weltanschauung" lehnt er ab.

CHRISTIANE KÜHL


"König Ödipus", 26.­28.6. beim Theater der Welt (Duisburg), Tel. 0180/500 34 63; 12. und 13.8. bei den Salzburger Festspielen; 30.8.­1.9. beim Zürcher Theaterspektakel.