Theater vor der Premiere: Probier mal! - DER SPIEGEL
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Theater vor der Premiere: Alles ist möglich!

Foto: THOMAS KIENZLE/ ASSOCIATED PRESS

Theater vor der Premiere Probier mal!

Theaterleute verbringen heute mehr Zeit mit Proben als bei Vorstellungen. Aber was genau passiert eigentlich auf der Probebühne? Kommt ein Regisseur oder ein Schauspieler mit Druck eher zum Erfolg als mit "Einfach machen lassen"? Das Buch "Chaos und Konzept" gibt Auskunft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gehört zu den großen Geheimnissen der Psychologie, wie man einen Menschen am besten dazu bekommt, zu seiner Höchstform aufzulaufen. Arbeitspsychologen, Coaches, Motivationstrainer und Yogalehrer in immer größerer Zahl beschäftigen sich mit der Frage. Ein Problem, das dabei zu berücksichtigen ist: Die Menschen sind so verschieden. Und wenn sie zusammenarbeiten sollen, reagieren sie besonders unvorhersehbar. Das nennt man Gruppendynamik.

Wenn bei so einer Arbeitsgruppe am Ende auch noch Theaterkunst herauskommen soll, wird es besonders schwierig. Zumal der Gruppenleiter, Regisseur genannt, meist in Sachen Psychologie ein Laie ist. Und so versucht es jeder mit seiner eigenen Methode, seine Mitstreiter, allen voran die Schauspieler, zu motivieren.

Der Dramaturg John von Düffel unterscheidet folgende Grundtypen von Regisseuren: die Vaterfiguren, die Gurus, die Charismatiker, die Studienräte, die Vielredner, die Macher, die Sportler und die Spieler. Und die Choleriker, die auf Angst als produktive Kraft setzen (Von Düffel nennt hier Dieter Wedel als bekanntes Beispiel). Zum Glück scheinen die aber weniger zu werden.

Bei einer Tragödie muss die Probe selbst Tragödie sein

Von Düffel verrät auch, wie der Regisseur Michael Thalheimer, der mit seinen in Texten, Gesten und Zeichen radikal reduzierten Inszenierungen berühmt geworden ist, arbeitet: "Er kommt nicht als Reduktionist auf die Probe, sondern erlaubt und erzeugt eine Fülle des Spiels, eine Vielfalt von Einfällen und Erfindungen, aber dann selektiert und reduziert er oft unbarmherzig." Probenarbeit hat auch mit Verschwendung zu tun.

Nachzulesen ist das alles in einem Buch, das im Alexander Verlag Berlin erschienen ist: "Chaos und Konzept. Proben und Probieren im Theater". Herausgegeben haben es die Theaterwissenschaftler Melanie Hinz und Jens Roselt von der Universität Hildesheim. Die widmet sich mit Vorliebe dem postdramatischen Theater und neuen Formen wie der Performance. In einem Kapitel wird daher auch beschrieben, wie man Inszenierungen probt, die bewusst mit der Vermischung von Realität und Kunst leben, bei denen die Interaktion mit dem Zuschauer gewollt, das Unvorhergesehene Konzept ist.

Die Lösung ist relativ simpel: Versuchspersonen, vorzugsweise Freunde der Performer, werden als Test-Zuschauer rekrutiert und müssen sich bei den Stadtwanderungen, in den Labyrinthen und Kunst-Räumen ihrer Performerfreunde möglichst viele Handlungen und Reaktionen einfallen lassen, die später auch den normalen Zuschauern einfallen könnten.

Ein Rest Unwägbarkeit bleibt. Das ist der Kitzel bei jeder Probe, und für den Dramaturgen Carl Hegemann ist das einer der Gründe, "warum ich lieber auf Proben gehe als in die Vorstellung" - so ist sein Aufsatz überschrieben. Er vergleicht den Regisseur, der etwas machen darf, "einfach, weil er es will", mit einem Kleinkind, das "die Vorstellung hat, die ganze Welt sei nur für es da hingestellt".

Und diesen Kindern schaut er gern beim Spielen zu. Hegemann beschreibt unter anderem die Methode von René Pollesch, der sich unter seinen Schauspielern als "demokratischer Moderator" versteht, und erinnert an Einar Schleef, der postulierte, man könne nicht glaubwürdig Tragödien inszenieren, wenn die Proben dazu nicht selbst Tragödien seien. Er erzählt auch von den anarchischen Proben bei Frank Castorf, bei denen jede Blödelei dankbar als Anregung aufgenommen wird und manches davon tatsächlich in der Inszenierung landet.

Das genau ist der Reiz des Probenbetriebs: Noch ist alles möglich.