Theater: Wilder Vogel Jugend - DER SPIEGEL
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Theater Wilder Vogel Jugend

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Café im Berliner Fernsehturm liegt 207 Meter über dem Alexanderplatz, dreht sich in rund 60 Minuten einmal im Kreis und sieht aus, als hätte es ein Bühnenbildner der Volksbühne eingerichtet: Ossi-Schick der siebziger Jahre. Dieses Café hat der Schauspieler Alexander Scheer als Treffpunkt vorgeschlagen. Aber er ist nicht da. Mit einer guten Stunde Verspätung taucht er schließlich auf, in einem Second-Hand-DDR-Jeans-Overall, ein schiefes Jungs-Lächeln im Gesicht. Er habe einem Kontrolleur entkommen müssen, erklärt er. Und auch an der Kasse des Fernsehturms musste er sich erst noch vorbeischummeln.

Nötig hat er das nicht. Scheer, 27, zu einigem Ruhm gekommen als sympathischer Mucker und Rebell in Leander Haußmanns Film "Sonnenallee", hat einen festen Vertrag an der Berliner Volksbühne. "Es geht um den Kick", sagt er. Schwarzfahren als Reminiszenz an seine offenbar wilde Jugend in Ost-Berlin, von der er gern erzählt: nach der Wende Abbruch der Schule, in die Techno-Szene der frühen Neunziger eingetaucht, Experimente mit Drogen, Videokameras und Synthesizern, Underground. Die Freunde von damals hat er noch, sie machen immer noch Sessions auf dem Dach über Scheers Wohnung im Ost-Szeneviertel Prenzlauer Berg und träumen von einem eigenen Film, den sie, Fortschritt der Technik, irgendwann auf DVD brennen und ohne Verleih direkt ins Kino bringen können.

Bis es so weit ist, arbeitet Scheer weiter an seiner Schauspieler-Karriere. Denn er hat sich in den Neunzigern eben nicht nur in Techno-Kellern zugedröhnt, sondern auch Laientheater gespielt und war bereits bei einer Agentur in der Kartei, als Haußmann ihn entdeckte. Seit 2002 ist Scheer nun an der Volksbühne, dem "wichtigsten Theater Europas". Behauptet er einfach mal. Jetzt spielt er den Boten in Aischylos' Tragödie "Die Perser". Der Theater-Star Martin Wuttke inszeniert das antike Anti-Kriegs-Drama auf dem stillgelegten Flugplatz Neuhardenberg. Scheer hat einen ganzen Ordner voll mit Sekundärliteratur dabei, inklusive dicker Dossiers über den Irak-Krieg. "Hab ich aber noch nicht gelesen", sagt er schnell. Dann verabschiedet er sich, "noch ein paar CDs klauen". Mit einem Seitenblick prüft er, ob man ihm das glaubt. Am Abend will er zur "Terminator 3"-Premiere. Auch dort gibt es schließlich alles umsonst. Nur der Kick wird ihm fehlen.

Anke Dürr


Die Perser. Premiere am 21.8. auf dem ehemaligen Flugplatz Neuhardenberg (Bustransfer ab Berlin Ostbahnhof möglich). Auch am 22., 23., 24., 27., 28. und 29.8., Tel. 0180/517 05 17.