Theatermagier Jan Fabre Orgie ab 18
Unappetitlich sei seine Kunst, findet manch einer. Dabei hat Jan Fabre sich das Material für sein Meisterwerk aus anerkannten Restaurants liefern lassen: eineinhalb Millionen Chitinpanzer von thailändischen Juwelenkäfern, die in Asien als Delikatesse verspeist werden. Im hochherrschaftlichen Brüsseler Königspalast schimmern die Käferkleider nun smaragdgrün unter der Decke des Spiegelsaals, nehmen zudem einen der mächtigen Kronleuchter komplett in Beschlag. Ein Fresko aus totem Tier, schaurig-schön.
Der flämische Kunst-Provokateur Fabre, 50, ist bekannt für Werke, die die Geschmacksgrenzen ausreizen: für drastische Bilder, mal makaber, mal sexuell aufgeladen. Das Tanzhaus NRW präsentiert nun die europäische Erstaufführung seiner Performance "Orgie der Toleranz" und beugt möglichem Protest gleich mal im Programmheft vor: "Wir empfehlen: für Zuschauer ab 18 Jahren". Eine Vorsichtsmaßnahme, die auf zart besaitete Jugendliche zielt und vielleicht noch mehr auf deren Eltern.
In seinen mystischen Werken hat Fabre auch schon Sperma, Blut und menschliche Knochen verarbeitet, nichts jedoch so häufig wie Käfer. Das mag familiär motiviert sein, denn sein Großvater war der berühmte Insektenforscher Jean Henri Fabre. Wichtiger ist jedoch, dass der Käfer in der Mythologie, vor allem im alten Ägypten, immer wieder als Symbol der Verwandlung auftaucht, als Vermittler zwischen Leben und Tod. Ebendies ist das Lebensthema Fabres, der als junger Erwachsener zwei Mal im Koma lag: einmal mit 18 nach einer Rauferei, dann mit 23 nach einem Tauchunfall.
In seinen Werken erforscht der Belgier den Körper, die Schönheit und den Tod. Meist arbeitet er mit großer Geste, mit Kitsch und Pathos und das nicht nur in einem Medium. Fabre ist ein weltweit tourendes Multitalent, ein Tausendsassa mit Hang zum Größenwahn: Maler und Objektkünstler, aber auch Dramatiker, Regisseur und Choreograf. Ein Vertreter also des beispiellosen Benelux-Booms in der aktuellen Tanz- und Theaterszene, für den neben ihm auch Jan Lauwers, Alain Platel, Wim Vandekeybus, Luk Perceval und Johan Simons stehen.
Bei den Salzburger Festspielen etwa inszenierte Fabre 2007 das Totentanztheater "Requiem für eine Metamorphose", das kurz nach der Uraufführung auch bei der Ruhrtriennale in Bochum zu sehen war. Dazu inspiriert hatten ihn persönliche Erlebnisse: Im Dezember 2004 war Fabre nach Malaysia gereist und hatte dort das Elend des Tsunamis aus nächster Nähe erleben müssen. Zu Hause in Antwerpen saß sein Vater vor dem Fernseher, fürchtete um seinen Sohn und erlitt einen Herzinfarkt. Noch während der Sohn im Flieger zurück nach Belgien eilte, starb der Vater im Krankenhaus; die Mutter folgte ihm wenige Monate später.
Von Donnerstag an gastiert der Theatermagier Fabre nun erneut in Nordrhein-Westfalen: Im Düsseldorfer Tanzhaus NRW zeigt er seine neue Performance "Orgie der Toleranz" erstmals in Europa; die Uraufführung war in Chile. Angekündigt ist ein "surrealer Plot über eine schamlos gewordene Gegenwart", ein "bitterböser Sketch über eine Welt des Exzesses, geprägt von Konsumterror, medialer Sexualisierung und Werteverfall". Die Leitfrage: Wo schlägt Toleranz in Ignoranz um? Neun Akteure, darunter Ex-Forsythe-Tänzer Antony Rizzi, werden 105 Minuten lang das erforschen, was Normalität heißt, ihre Grenzen und ihre perversen Auswüchse.
Fast könnte man meinen, das Tanzhaus habe die Lektion schon vorab begriffen: die Altersempfehlung als Akt vorauseilenden Gehorsams.
"Orgie der Toleranz": Donnerstag, 5., bis Sonntag, 8. Februar, jeweils 20 Uhr, Freitag und Samstag mit Einführung in das Werk Jan Fabres um 19.30 Uhr, Samstag zudem mit Publikumsgespräch nach der Vorstellung, tanzhaus nrw in Düsseldorf, Erkrather Straße 30, Tel. 0211/17 27 00.