Theaterpremiere: Bothos Bildungsbürger reloaded - DER SPIEGEL
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Theaterpremiere Bothos Bildungsbürger reloaded

Das junge Talent Friederike Heller inszeniert einen modernen Klassiker: Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" aus dem Jahr 1977. Als das Stück entstand, war Regisseurin Heller noch ein Kind. Taugt das Werk für die Ewigkeit?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

17 Menschen auf der Suche nach der Kunst. Sie laufen als exklusives Vorab-Publikum durch eine Ausstellung, beschäftigen sich scheinbar mit den Bildern, in Wirklichkeit aber nur mit sich selbst: Das ist die "Trilogie des Wiedersehens", Botho Strauß' erster großer Bühnenerfolg aus dem Jahr 1977, der schon seine ganze Meisterschaft zeigt.

Niemand konnte die absurde Zusammenballung vereinsamter Gemeinschaftswesen genauer porträtieren als Strauß in seinen frühen Stücken. Und obwohl ihn damals, vor einer Generation, alle priesen als den präzisen Chronisten seiner Zeit, scheinen seine Stücke erstaunlich zeitlos.

Es gibt eine ganze Riege junger Regisseure, die das regelmäßig unter Beweis stellen - alle nur wenig älter als die Strauß-Stücke, die sie sich vornehmen. Aktuelles Beispiel: Friederike Heller, 35, die am Schauspiel Stuttgart inszeniert, was sie "ein Wiedersehen mit der 'Trilogie des Wiedersehens'" nennt.

Für die Regisseurin ist das Stück ein noch immer gültiges Porträt einer bestimmten bildungsbürgerlichen Schicht, die sich, schöne Ironie, in der Ausstellung mit dem Titel "Kapitalistischer Realismus" versammelt: "Es gibt immer noch diese sehr wohlstandsgesättigte, zum Nihilismus neigende Gesellschaft."

Ob sie sich Botho Strauß jetzt vorgenommen habe, weil sie ab nächster Saison fest an der Berliner Schaubühne arbeite, dem Theater, an dem der Dichter seine größten Erfolge feierte? "Nein", sagt Heller lachend, das sei reiner Zufall. Aber 30 Jahre, das sei "vielleicht zufälligerweise der Abstand, nach dem man sich Stücke mal wieder vornehmen und prüfen muss: Gehören sie in den Kanon, oder waren es nur Zeitstücke?"

Für sie steht fest: "Inhaltlich gesehen kann man bei der 'Trilogie des Wiedersehens' schon sagen, dass sie zeitlos ist." Allerdings: "Ob das so überzeugend als Stück ist, das müssen dann die Zuschauer entscheiden. Es ist schon umstritten, denn es ist ja die Verhandlung des großen Nichts."

Das ist die Kunst: die große Leere darzustellen und auf der Bühne doch etwas entstehen zu lassen.

Aber Heller hatte noch nie Scheu vor schwierigen Stücken - neben Romanadaptionen hat sie sich vor allem mit Handke-Inszenierungen einen Namen gemacht. "Die Ermutigung, sich an Strauß ranzutrauen, die war auf jeden Fall da, nachdem das mit Handke so interessante Erlebnisse waren", sagt sie in schönem Understatement. Denn die "interessanten Erlebnisse" waren große Erfolge, vor allem ihre Inszenierung des "Untertagblues" 2004 in Wien, für die sie zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt wurde.

Viele Kritiker attestierten ihrer Interpretation von Handkes U-Bahn-Stück mehr Witz und Klugheit als der Uraufführungsversion von Claus Peymann, dem Handke-Gefährten seit ewiger Vorzeit. Was beweist, dass etwas Distanz zum Objekt nicht von Nachteil sein muss.

Jetzt also die "Trilogie des Wiedersehens", eine Annäherung aus einer Distanz von mehr als 30 Jahren, die nicht immer einfach ist: "Der Titel ist ein bisschen rätselhaft", sagt Heller, die keinen direkten Kontakt zu dem scheuen Autor Strauß hatte, "es hat sich mir bis heute nicht erschlossen, warum das eine Trilogie sein soll".

Aber das Schlüsselwort ist natürlich "Wiedersehen". Es gebe sehr schöne Sätze zu diesem Thema im Stück, sagt die Regisseurin: "Wenn zum Beispiel die Figur des Dichters sagt, dass, gäbe es nicht ein paar Werke und Bilder, die wir immer wiedersehen, unsere kurze Zeit ja noch mehr Trennungen und Abschiede überwinden müsste."

Das mache das Stück so heutig, sagt Heller mit Nachdruck: "Es ist ein Plädoyer, sich auf so einen gemeinsamen Schatz zu besinnen und ein gemeinsames kulturelles Wissen zu bewahren - ein Plädoyer an eine Gesellschaft, die sich mit einer enormen Fliehkraft in einem rasenden Stillstand um ihren eigenen Bauchnabel bewegt."


Trilogie des Wiedersehens. Premiere am 4.7. im Stuttgarter Schauspielhaus . Auch am 10., 15. und 24.7., Tel. 0711/20 20 90.