Theaterpremiere: Das Leben gähnt uns an - DER SPIEGEL
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Theaterpremiere Das Leben gähnt uns an

Zum Saisonstart inszenierte Regiestar Dimiter Gotscheff am Hamburger Thalia Theater Georg Büchners Komödienschlachtross "Leonce und Lena". Eine vermeintlich sichere Sache - doch die plakative Show hatte überraschende Tücken.
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Was für ein trauriger Staat! Im Königreich Popo verschnarchen die Menschen ihr Dasein. Das Leben, eine Schlafsackkolonie: Irgendwo zwischen Pennerasyl und Skihütte angesiedelt, bietet die Bühne des Hamburger Thalia Theaters eine bunte, aber trostlose Biederwelt des trägen Dösens.

"Leonce und Lena", Georg Büchners subtile Farce vom ungelebten Leben, springt den Zuschauer in der drastischen Inszenierung von Regisseur Dimiter Gotscheff förmlich an - sofern man in all der schier unerträglichen Schwere dieses Seins noch von "springen" reden kann.

Gotscheff ist ein scharfsinniger Denker, der mit großen Theaterstoffen verblüffend und überzeugend umgehen kann. Seine gefeierten Inszenierungen von Aischylos' "Persern" oder Molières "Tartuffe" bündelten eine feingliedrige und zum Teil rasend komische Sicht auf Klassiker, aber hier will er dem Büchner den Schneid abkaufen: weg mit dem Tempo, strenge Distanz, plakativer Klamauk anstelle von leichtem Witz.

Das Spiel als Thema: Peter Jordan, der den König Peter vom Reich Popo darstellt, gibt gleich zu Anfang den Herrscher als komödiantisches Rollenwesen, das von der Trägheit seines dösenden Volkes entsetzt ist, gleichzeitig selbst aber nur das Abziehbild eines dynamischen mitreißenden Führers zu bieten hat. Immerhin, dieses Spiel im Spiel ist komisch, und diese Doppelbödigkeit führt Gotscheff als didaktisch theatralische Mittel durch die gesamte Inszenierung fort. Dabei hat er in Anlehnung an antike Modelle einen Chor installiert, der die Aktionen des Popo-Königs in regierungsamtlicher Form unterstreicht.

Großaufnahme ohne Schnitt

Die Geschichte von den zur Heirat bestimmten Königskindern, die sich unerkannt lieben lernen, bezieht hier ihren Reiz weniger aus der märchenverbrämten Gesellschaftskritik Büchners als aus der grellen Überzeichnung der Rollen - was allerdings in der gnadenlosen Konsequenz die ganze Inszenierung wie eine einzige träge Großaufnahme ohne Schnitte erscheinen lässt. "Das Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier!", versichert Leonce später - dieses Gefühl spiegelt die Inszenierung stellenweise sehr intensiv wieder.

Prinz Leonce, anstrengend manieriert und zäh gelangweilt von Ole Lagerpusch zelebriert, wirft seine Lebensweisheiten als Platituden selbstgefällig unters Volk, wobei ihm sein Freund Valerio als närrischer Spiegel dient. Mal unterwürfig speichelleckend und dienend, mal frechforsch als Advocatus Diaboli, so karikiert er die hohle Persönlichkeit des Prinzen: erneut ein großer Abend für den prallen Schauspieler Andreas Döhler, der seine brillante Darstellung des nur scheinbar Debilen und Widerborstigen allerdings nicht zur Manier verwässern sollte. Wunderlich witzig sein abgewandeltes Kinderlied "Ach, wenn man doch einfach ein andrer wär'!", gesungen als Stadionschlager mit goldglänzenden Schuhen ("Prada!") - eine hübsche Parodie aufs Pathos, aber wie vieles an diesem Abend zu groß aufgeblasen aus zu geringem Anlass und damit austauschbar.

Auch die Damen bieten eher schrille Oberfläche: Katrin Wichmanns träge Prinzessin Lena kommt aus der übernächtigten Schickimädchen-Drogenbräsigkeit kaum heraus, ihre hyperaktive Gouvernante (Viktoria Trauttmannsdorff) lässt sich nach lautem Tagwerk von Valerio beiläufig und geschäftsmäßig sexuell hernehmen: Alles ist Business, alles ist üblich und gewöhnlich.

Den Zeitgeist nur touchiert

Auch die textlichen Überarbeitungen von Gotscheff fügen sich in diesen Reigen der erwartbaren Alltäglichkeiten: Der eingestreute Hinweis ans träge Volk, dass "Wer will, auch kann!" oder sich ja zur Arbeitssuche mal waschen könnte, gehört zur Routine der Aktualisierung, die beim Publikum Lacher bringt, aber eigentlich eher dürftig den Zeitgeist touchiert: so platt wie die aufgebauschten Weisheiten des Leonce.

Beide Figuren sieht Regisseur Gotscheff als zwei Seiten der selben Medaille: Leonce und Lena tauschen ihre Texte, zitieren gemeinsam Goethe, schweben schicksalsergeben aufeinander zu. Am Schluss erscheint das alles seltsam verhuscht und schnell abgearbeitet, schnell noch ein paar Zitate aus Büchners anderen Werken, dann Blackout und vorbei.

Ebenso routiniert der Schlussbeifall: keine Exstase, keine Buhs, Jubel für Jordan und Döhler, das Thalia hat abgeliefert. Es ist dies die letzte Spielzeit von Superintendant Ulrich Khuon, der dann nach Berlin wechselt. Er hat vornehmlich Bewährtes noch in petto, von Schillers "Räubern" bis Goethes "Urfaust". Hoffentlich werden nicht alle "Renner" so routiniert abgespult wie "Leonce und Lena".

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