Theaterpremiere Wo die Liebe hinfällt
Die Welt, ein Schachbrett: Auf der holzgetäfelten, mit Quadraten gezeichneten Bühne wirken die Figuren dieses Spiels wie verloren, sie müssen sich suchen und finden. Hohe Wände, die den Raum in Richtung Publikum entgrenzen und dennoch wie eine kafkaeske Falle wirken - entkommen kann hier niemand. Friedrich Schillers Drama um die übergroße Liebe, die an der Welt und den Menschen zerbricht, ereignet sich in Dusan David Parizeks Inszenierung zunächst als kuscheliges Kammerspiel.
Phallus lässt grüßen: Ferdinand (Aleksandar Radenkovic) und Hofmarschall von Kalb (Jannig Kahnert)
Foto: A.T. SchaeferFast ein Familienidyll: Ferdinand und Luise, die beiden Liebenden, hocken mit den Eltern Luises an der Rampe, trinken Kaffee und stellen nüchtern die Probleme dieser fatalen Liaison fest - Adelssohn liebt Musikertochter Luise Miller, das kann nicht gut gehen, die bekannte Geschichte, der Vater ahnt das Unheil. Ein Hauch von Lindenstraße weht durchs große Schauspielhaus, doch der Regisseur nimmt keinen Anlauf zur wohlfeilen Aktualität. Diese Figuren sind nicht Zeitgenossen, sondern Beispiele. Das Drama, ein Versuch über die Liebe und die Schwäche des Menschen.
Parizek, in seiner tschechischen Heimat 2007 zum Regisseur des Jahres gekürt, hatte im letzten Jahr am Hamburger Schauspielhaus bereits mit Kleists "Hermannsschlacht" eine interessante Inszenierung abgeliefert. Er versteht sich blendend darauf, eine Geschichte ohne aufgepfropfte Akzente auf ihren Kern zu reduzieren und sie mit dichter Personenregie fast ausschließlich über die Schauspieler zu erzählen. So auch hier: Jede der Figuren gewinnt unmittelbar und umweglos Profil. Luise und Ferdinand stehen Hand in Hand, sehen in die Welt und sehen doch nicht sich: In den ersten Auftritten, Gesten und Bewegungen ist das Prinzip des Scheiterns schon angedeutet.
Starke Frauen
Mit dem jungen Aleksandar Radenkovic hatte Regisseur Parizek einen typmäßig fabelhaften Ferdinand, der hier in seinem Hamburger Debüt achtbar punkten konnte: Zwischen Überschwang und Zweifel, starkem Willen und charakterlicher Schwäche bot er eine Menge auf, kämpfte sich aber auch oft mit reiner Technik durch die Rolle. Sein Pech, dass er mit Julia Nachtmann eine grandiose Partnerin hatte, eine perfekte Luise, die zu jeder Sekunde die Bedingungslosigkeit ihrer Gefühle bis an die Grenzen führte. Ihre Liebe - und ihr Spiel - waren einfach eine Nummer zu groß für diesen Ferdinand. So gerecht und ungerecht kann Theater sein.
Und es sind stets die Frauen, die bei Parizek mehr wissen und leiden als die Männer. Lady Milford, von Ute Hannig als durchdachte Charakterstudie einer selbstbewussten und desillusionierten Frau gespielt, verlässt als Einzige den Ort des Schreckens. Mutter Miller (anrührend menschlich: Juliane Koren) bleibt verhärmt zurück, sie darf am Ende nicht einmal ihre tote Tochter betrauern, der eifersüchtige Vater (stark: Michael Prelle) stößt sie weg. Männer sind eitle Macher, noch im Tod. Auch Ferdinand baut sich zum finalen Todesschuss pathetisch am Bühnenrand auf: Der letzte Versuch von Würde - wo doch durch seine Schwäche erst die finstere Intrige greifen konnte.
Die übrigen Kerls sind sich in seltsam drastisch dargestellter körperlicher Weise zugetan: Der Präsident von Walter (ausdrucksvoll und souverän: Lukas Holzhausen) bekommt vom Hofmarschall von Kalb (etwas überdreht: Janning Kahnert) Küsschen und Streicheleinheiten, Unterwürfigkeit und Anbetung. Ferdinand bespringt mit Knarre in rasender Wut den willfährigen Kalb und steckt ihm den Lauf den Mund: Phallus lässt grüßen. Doch dieser Männersex bleibt seltsam beziehungslos im Raum.
Brutaler geht's nicht
Der klassische "Böse" hinter der Intrige, der Sekretär Wurm, bekommt vom Regisseur eine Extra-Behandlung: Philipp Otto darf den Schurken menschlich spielen. Der ehrlich in Luise verliebte Wurm ist selber tödlich verletzt und wird zum Amokläufer gegen die Liebe. Mit Philipp Ottos Wurm hat man beinahe Mitleid, als ihm Luise für den Fall der Annäherung den Mord androht. Brutaler geht's nicht, und dieser Julia glaubt man jedes Wort. Doch spätestens an dieser Stelle fragt man sich, wo denn die Inszenierung hinlaufen will.
Inmitten all der psychologisierenden Darstellung der Personen fliegt dem Regisseur sein Stück um die Ohren: Entkleidet von der antiquierten Gesellschaftskritik bleibt die Liebesfrage übrig, die Parizek mit den Schwächen der Menschen beantwortet, die eben anfällig sind für Gefährdungen und bis auf Lady Milford nicht aus ihren Lebenskonstellationen ausbrechen können. Entrückt in eine ungefähre Zeitlosigkeit, fällt die Liebe halt tief, führt in den Tod. Was aber dieser Tod heute bedeutet, was er mit unserem Leben zu tun hat, erschließt sich außerhalb der philosophisch-psychologischen Ebene nicht. So klafft zwischen dem Spiel und dem Leben eine ebenso tödliche Lücke, die bei all der großen Schauspielkunst ein großes Ziel verfehlt.
Zum Schluss gab es großen, berechtigten Applaus fürs Ensemble, der für den Regisseur ein klein wenig leiser ausfiel.