Theatersaison: Jungsein ist nicht abendfüllend - DER SPIEGEL
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Theatersaison Jungsein ist nicht abendfüllend

Jung, dynamisch und... erfolglos? Anmerkungen zur neuen Theatersaison.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erst wenige Wochen ist sie alt, die neue Theatersaison. Und schon lässt sich ein erstes Resümee ziehen: Jungsein allein ist nicht abendfüllend. Das gilt für Hamburg, wo Tom Stromberg das Schauspielhaus mit drei ebenso gewagten wie erfolglosen Premieren eröffnete und Ulrich Khuon mit seinen hoch motivierten Nachwuchskräften am Thalia Theater eine bemerkenswerte Bauchlandung hinlegte. Das gilt auch für Berlin, wo Hoffnungsträger und Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier allzu oft nur hübsch aufgeschminktes Elend - wenn auch meist mit hoher Kunstfertigkeit - darbot, und Altmeister Claus Peymann samt seinem verjüngten Berliner Ensemble in lauthals verschleierter Bedeutungslosigkeit versackt ist. Und es gilt für München, wo sie eine Spielzeit der Umzüge und Provisorien zelebrieren, weshalb es dort nur Mittelmaß zu besichtigen gibt.

So viel Anfang war selten. Neu berufene Intendanten engagieren junge Regisseure, die wiederum die Stücke junger Autoren inszenieren. Man kann auch von einem Generationenwechsel sprechen, der sich derzeit an den deutschsprachigen Theaterhäusern still und ziemlich unspektakulär vollzieht. Wobei besonders auffällt, dass mehr Gegenwartstexte als bisher den Weg auf die Bühne finden. Texte, in denen alles verhandelt wird, was das Leben im dritten Jahrtausend so ausmacht: Trash (wie in Sibylle Bergs "Helges Leben"), das Warten auf den Bus (wie in Helmut Kraussers "Haltestelle.Geister"), Computerviren (wie in Albert Ostermaiers "Erreger"), übergeschnappte Modernisierungseuphoriker (wie in Moritz Rinkes "Republik Vineta") oder die banale Frage, wie man einen Türsteher überlistet (wie in Rainald Goetz' "Jeff Koons").

Aber selbst Stücke mit zeitgenössischem Trendpersonal und einer Fußball-Spielzeit von 90 Minuten garantieren noch keine künstlerisch wertvollen Inszenierungen. Warum aber gerieten die meisten Neustarts zu Fehlstarts? In Hamburg funktionierte vieles wohl nur, weil es dort die Konkurrenz zwischen Schauspielhaus und Thalia Theater gab: Die Zuschauer konnten beliebig wechseln zwischen unterhaltsamer Klassik und textstarker Avantgarde. Jetzt wollen beide, Stromberg am Schauspielhaus und Khuon am Thalia, mit ambitionierten Gegenwartstexten und eigenwilligen Projekten klotzen. Und natürlich kann man den Erfolg nach der Baumbauer-Ära (dreimal wurde sein Schauspielhaus zum "Theater des Jahres" gekürt) und der Flimm-Ära, der sein freundlich menschelndes Erzähltheater zur Serienreife entwickelt hatte, nicht einfach so fortsetzen.

Wahrscheinlich überfordern sich die jungen Regisseure im Eifer des Neustarts, wenn sie alles groß denken und innovativer sein wollen als ihre Ziehväter, die sie nicht hinmeucheln, sondern gerne mal um Rat fragen oder voller Gleichmut ignorieren. Cooles, schnelles, urbanes Theater schwebt den neuen Theatermachern wie Jan Bosse, Simone Blattner, Martin Kusej, Jossi Wieler oder Karin Beier vor, weshalb sie gerne zeitgenössische Musik verwenden und die Ausdrucksformen mit improvisiertem Schauspieler-Ulk erweitern. Pop-Theater nennt man das gerne, und wenn damit das Lebensgefühl der 30- bis 40-Jährigen gemeint ist, dann geht das voll in Ordnung.

Andererseits gehört zu diesem Lebensgefühl, dass es sich nicht auf einen Nenner bringen lässt. Es bricht sich Bahn in Inszenierungen zwischen neuem Ernst und neuer Experimentierfreude, oft auch in einer neuen Lust an der Poesie. Selbst die längst aus der Mode geratene Klassikerzertrümmerung, von Frank Castorf einst vorbildhaft beherrscht, wird ja immer noch vereinzelt praktiziert - wie von Regisseur Jürgen Kruse, der sich dem Prinzip des Wohlfühlens verweigert und das Theater gerne auch als Ort der Sinnproduktion durch Sinnvernichtung begreift. Und so das Publikum und die Kritik spaltet. Irgendwie auch ein Verdienst.

Was die Zukunft bringt? Sie sollte jedenfalls anders ausschauen als die Gegenwart in Frankfurt. Dort traten letztes Jahr die beiden Jungdynamiker Tom Kühnel und Robert Schuster am Theater am Turm (TAT) an, um "neue Formen" zu finden, und haben nun, nachdem ihre bisherigen Beiträge allesamt floppten, Altregisseur Frank-Patrick Steckel Tschechows "Möwe" inszenieren lassen - was leider auch nur zu einem Debakel führte. Wenn man schon von den Alten lernen will, dann doch bitte lieber von ergrauten Genies wie Peter Stein. Das künstlerische Ergebnis seiner 20-stündigen "Faust"-Bearbeitung, die auf der Expo in Hannover Premiere hatte, war zwar heftig umstritten, aber bis Februar sind in Berlin, wo die Aufführung derzeit gastiert, sämtliche Aufführungen ausverkauft.