Theaterstimmen: Schiller im O-Ton - DER SPIEGEL
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Theaterstimmen Schiller im O-Ton

Wie klingt ein Mann, der 250 Jahre alt wird? Und wie klang er früher? Passend zum Schillerjahr hat Ingo Starz in Archiven gekramt - und präsentiert nun ein Hörbuch mit Mitschnitten deutscher Bühnen: Schauspieler in Schillerstücken, einst und jetzt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Theater zum Hören, auf einer Doppel-CD, das dürfte Regietheater-Verächtern wie dem Schriftsteller Daniel Kehlmann gefallen: weil fast alles eliminiert ist, die Gestik und die Mimik und die Kostüme und das Bühnenbild und das Licht - vieles von dem, was das Theater zu einer eigenen Kunst erhebt, in der der Stücktext nur eine Zutat unter anderen ist. Keine Bilder stören die Worte des Autors, kaum Sinnlichkeit den Sinn. Theater zum Hören, das ist vermeintlich reines Deklamieren aus dem Literaturarchiv.

Der Schweizer Kurator und Publizist Ingo Starz hat solch eine Doppel-CD nun zusammengestellt, mit Ausschnitten aus acht Schillerdramen, vom Jugendwerk "Die Räuber" bis zum "Wilhelm Tell".

Das Hörbuch, veredelt durch ein aufwendiges Booklet, ist eine Art Geburtstagsgabe für Friedrich Schiller, der am 10. November 250 Jahre alt geworden wäre. Und es ist eine Reise durch die Theatergeschichte - ohne allzu viel Theater.

Ja, ist denn das nicht entsetzlich langweilig? Mag sein, aber wer in den Theaterferien keine Karten hat für die Festspiele in Salzburg und Co, der begnügt sich auch mit Konserven. Und wer ohnehin immer schimpft über Blut und Hoden im Regietheater, für den ist die Doppel-CD sogar ein gefundenes Fressen - besser als echte Bühnenkunst.

Starz präsentiert Ausschnitte aus 28 Inszenierungen großer Schauspielhäuser wie dem Burgtheater Wien, den Münchner Kammerspielen, dem Thalia Theater Hamburg und dem Schauspielhaus Zürich, darunter jahrzehntealte Theaterabende von Fritz Kortner, Erwin Piscator, Josef Gielen und Hans Schweikart, aber auch jüngere Arbeiten von Stephan Kimmig, Nicolas Stemann und David Bösch.

Zu hören sind Theaterlegenden der fünfziger und sechziger Jahre wie Bernhard Minetti als Wallenstein und Will Quadflieg als Ferdinand, aber auch Jungstars von heute wie Philipp Hauß als Don Carlos 2005 und Philipp Hochmair in der gleichen Rolle 2007.

Die zentrale Frage: Wie hat sich der Schillerton in den vergangenen Jahrzehnten verändert, welchen Einfluss haben Moden auf Betonung und Rhythmus und Tempo?

Die Sprechkünstlerin Paula Wessely lässt 1954 als Maria Stuart ihr Schauspielerinnen-R überperfekt rollen, ungleich extremer als Susanne Wolff, die 2007 eine sehr junge und doch auch sehr herbe Maria Stuart gibt. Eva Mattes spricht die Johanna 1974 mit glockenhell dahingehauchter Jungmädchenstimme - eine Rolle, die sich Natali Seelig, Katharina Matz und Doreen Nixdorf 2004 teilen müssen.

Die meisten Ausschnitte stammen nicht etwa aus Rundfunkproduktionen, sondern direkt aus den Archiven der Theater; sie waren bislang unveröffentlicht. Starz hat also einen Schatz der Theatergeschichte gehoben, nur leider fehlen die richtig reizvollen Raritäten, uralte Aufnahmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie sie auf seiner Vorgänger-CD "Theaterstimmen" vertreten waren.

Zu hören ist dort etwa, wie Josef Kainz 1902 als Hamlet die Worte in die Länge zieht, mit beschwörend-zitterndem Tonfall. Und wie Werner Krauss 1936 als Faust die Worte einzeln herauspresst, seine Stimme immer wieder an jenen pathetischen Punkt treibend, an dem sie sich fast überschlägt.

Wer Schiller-Fan ist, greift zu Starz' neuer Doppel-CD; alle anderen sind besser bedient mit seinem Vorgänger-Hörbuch.


Schiller - Auf den Brettern, die die Welt bedeuten : Hörbuch mit Original-Tonausschnitten deutscher Bühneninszenierungen, herausgegeben von Ingo Starz, Der Hörverlag , 2 CDs, etwa 149 Minuten Laufzeit, 24,95 Euro.

Theaterstimmen - 40 legendäre Schauspieler im Originalton von 1901 bis 2006 : Hörbuch, Der Hörverlag , 2 CDs, etwa 155 Minuten Laufzeit, 24,95 Euro.