Theaterstreik: Blackout am Broadway - DER SPIEGEL
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Theaterstreik Blackout am Broadway

Die US-Drehbuchautoren streiken bereits, jetzt machen es ihnen die Bühnenarbeiter am Broadway nach. 25 Musicals mussten dicht machen, darunter Hits wie der "König der Löwen". Nun droht New York nicht nur eine Entertainment-Krise - sondern auch ein Finanzloch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Matt Farnsworth ist einer der raren New Yorker Theaterschauspieler, die einen verlässlichen Job haben. Im Broadway-Musical "Curtains", einer Krimi-Komödie, hat er eine feste Nebenrolle. Gelegentlich springt er auch mal für einen erkrankten Hauptdarsteller ein. Seit März verdient er damit, nach jahrelanger Engagementsflaute, endlich wieder eine reguläre Gage - 1615 Dollar die Woche.

Diese Woche jedoch bleibt der Vorhang erstmals geschlossen und die Gage aus, für Farnsworth wie für seine Kollegen. Stattdessen ist Farnsworths Arbeitsalltag heute ähnlich skurril wie das Libretto seiner Show, bei der es um ein fiktives Musical geht, dessen talentloser Star zur Premiere erschossen wird.

Jeden Abend trottet Farnsworth eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn von seiner Wohnung in Chelsea zum Al Hirschfeld Theatre an der 45th Street, ein paar Schritte vom Times Square entfernt. Hinein kommt er allerdings nicht: Alle Türen sind verriegelt. Davor sind Stahlbarrikaden aufgebaut, hinter denen grimmige Männer mit Protestschildern ("On Strike") wortlos auf und ab marschieren.

Farnsworth schreibt sich auf eine Liste ein, um zu bezeugen, dass er "arbeitsfähig und -willig" sei. Dann wartet er den hypothetischen Beginn der Show ab. Und dann zieht er wieder nach Hause ab, um auf seinen mageren Streiklohn (400 Dollar) zu hoffen. "Was will man tun", seufzt er. "Wir müssen alle Solidarität zeigen."

Kreativpause für Kommerzfallen

Solche Szenen spielen sich gerade überall in den Seitenstraßen des Times Squares ab: Seit Samstag sind die meisten Theater dicht, die Leuchtreklamen dunkel, die Zuschauersäle verwaist. Denn erstmals in der Geschichte der New Yorker Musicalszene streiken hier die Bühnenarbeiter - die unsichtbaren Rädchen im Getriebe des Broadways: Kulissenschieber, Beleuchter, Tischler, Elektriker und Special-Effects-Trickser, die Disneys "Mary Poppins" und die Hexen in "Wicked" fliegen lassen.

Stattdessen staksen sie mit ihren Streik-Plakaten auf dem Gehweg vor den Theatern hin und her wie übelgelaunte Aufziehsoldaten. Fragen beantworten sie nicht, da ihnen die Gewerkschaft einen Maulkorb verpasst hat. "Rufen Sie in der Zentrale an", murrt einer namens George, ein Bulle in Arbeitsstiefeln am Minskoff Theatre, wo sonst der "Lion King" röhrt, der "König der Löwen".

Insgesamt sind es zwar nur knapp 500 Mann, die hier die körperliche Arbeit verweigern. Doch ohne die funktioniert, wie sich nun bitter herausstellt, am "Great White Way" nichts.

Der Streik hat fast den gesamten Theater District lahmgelegt. 27 der 35 Broadway-Musicals mussten schließen (die anderen beschäftigen gewerkschaftsfreie Arbeiter). Darunter auch die großen Kommerz- und Touristenfallen: "Lion King", "Phantom of the Opera'', "Chicago", "A Chorus Line", "Grease", "Les Miserables". Zyniker gönnen denen ohnehin längst eine Kreativpause.

Heulende Mädchen auf der Straße

Die Bühnenkrise droht sich, ausgerechnet zu Beginn der Weihnachtssaison, zur Finanzkrise für ganz New York auszuwachsen. Voriges Jahr erwirtschaftete der Broadway fast eine Milliarde Dollar Umsatz aus Eintrittskarten allein. Plus 4,5 Milliarden Dollar aus dem Broadway-Tourismus: Hotels, Restaurants, Bars, Souvenirläden. Schließlich sind 57 Prozent des Theaterpublikums hier auswärtige Besucher. Die können nun für jede Eintrittskarte ihr Geld zurückverlangen.

Ein teurer Streik also, für alle 45.000 Arbeitsplätze, die mit daran hängen. Die Gegenseite, die League of American Theaters and Producers, die Vereinigung der Theaterbesitzer und Produzenten, wird nicht müde, es laut vorzurechnen: Der Ausstand, schimpft League-Chefin Charlotte St. Martin, koste 17 Millionen Dollar - pro Tag. Kein Wunder, dass das wirtschaftsnahe Blatt "New York Post" das mit einem heulenden Mädchen illustrierte. Die Schlagzeile dazu: "Vorhang."

Das heulende Mädchen wollte "How the Grinch Stole Christmas" sehen, eine Weihnachtsshow, die tags zuvor erst Premiere gehabt hatte. "Grinch" wurde als erste Show kaltgestellt: Die Samstags-Matinee fiel ohne Vorwarnung aus.

Hauptdarsteller Patrick Page, ein Broadway-Veteran, kam ans St. James Theatre, um die verstörten Kids zu trösten. "Mir bricht das Herz", sprach er und sang ihnen dann was auf der Straße vor. Verständnis für den Streik hat er trotzdem: "Diese Kerle sind das Rückgrat des Broadways", lobt er die Bühnenarbeiter.

Vom Streik verschont, von den Kritikern nicht

Dieser Zwiespalt prägt den gesamten, etwas kryptischen Konflikt. Wie so oft haben beide Seiten Recht und Unrecht zugleich. Auf der einen Seite steht die League, die die antiquierten, unflexiblen und aus ihrer Sicht zu teuren Arbeitsvorschriften neu formulieren will. Diese Vorschriften bestimmen exakt, wie viele "Stagehands" wie lange und und für was bei einer Broadway-Show beschäftigt werden müssen.

"Es dauert ein paar Minuten, ein Klavier zu verrücken", nennt League-Chefin St. Martin nur ein Beispiel. "Aber wir sind gezwungen, den Arbeitern dafür vier Arbeitsstunden zu zahlen." Auch müsse jede Produktion einen "Flyman" haben, jemanden im Schnürboden also - auch wenn die Show keinen benötige.

Auf der anderen Seite steht die traditionsreiche Bühnenarbeiter-Gewerkschaft Local One, ein Arm der International Alliance of Theatrical Stage Employees (IATSE). Die wirft der League vor, ihnen hintenrum die Löhne um 38 Prozent kürzen zu wollen. "Die Milliardenindustrie Broadway", sagt Local-One-Präsident James Claffey, der schon in der Radio City Music Hall Kulissen schob, "war noch nie so profitabel."

Stimmt: In der Saison 2006/2007 wurden 12,3 Millionen Theaterkarten verkauft, so viele wie nie zuvor - und fast doppelt so viele wie vor 20 Jahren, als Mega-Hits wie "Cats" den Broadway beherrschten. Aktueller Höchstpreis: 450 Dollar für einen Parkettplatz. Doch auch die "Stagehands" verdienen daran nicht schlecht, oft sogar besser als die Schauspieler selbst: bis zu 1600 Dollar pro Woche, plus Überstunden, Sonntagsdienste und Zusatzlöhne. Da kommen schon mal sechsstellige Saläre zusammen.

Für kleinere Shows, die ihre Kosten über Kartenverkäufe reinholen müssen, könnte der Streik ein Todesurteil sein. "Ich weiß nicht, ob wir überleben können", sagt "Grinch"-Produzent James Sanna. Die League hat zwar einen Notfonds über 20 Millionen Dollar eingerichtet. Doch das reicht am Broadway kaum mehr weit: 20 Millionen Dollar kostete allein Mel Brooks neue Musical-Klamotte "Young Frankenstein", die von dem Streik verschont blieb (aber nicht von den Kritikern).

Flucht nach Bangalore

Wie ein Echo breiten sich die Konsequenzen aus. Die ersten Restaurants im Theaterviertel beginnen zu leiden. "Viele Leute kommen einfach nicht mehr her", sagt Johnny Felidi, der Oberkellner der legendären Broadway-Trattoria "Sardi's", die bereits am Wochenende einen 50-prozentigen Umsatzrückgang vermeldete.

Auch die Hotels bangen. Zwar gab es bisher kaum Stornierungen, dazu kam der Streik zu plötzlich. Das dürfte sich ändern, falls sich das Drama hinzieht. "Einige Leute werden ihre New-York-Reise sicher verschieben", fürchtet Caspar Van Eldik Thieme, der Marketingchef des Grand Hyatts an der 42nd Street.

Doch anderswo macht sich Freude breit. Die unbestreikten Off-Broadway-Theater bieten sich als Alternative an - und verzeichneten am Wochenende neue Zuschauerrekorde. Auch die 75. Jubiläumsshow des legendären "Christmas Spectacular" in der Radio City Music Hall jubelt über einen plötzlichen Run auf Tickets.

Wer jedoch eine der TV-Talkshows hier besuchen will, wird ebenfalls enttäuscht: Auch David Lettermans "Late Show" im Ed Sullivan Theater am Broadway und Conan O'Briens "Late Night", produziert in den NBC-Studios im Rockefeller Center, werden bestreikt und senden diese Woche Wiederholungen. Hier streiken freilich nicht die Bühnenarbeiter, sondern die Gag-Autoren.

Matt Farnsworth hat derweil keine Ahnung, ob er je in seine Rolle in "Curtains" zurückkehren wird. Er hatte sowieso zum 9. Dezember gekündigt. Sein nächstes Projekt könnte nicht weiter weg sein vom Broadway: Im Januar wird er für vier Wochen ins indische Bangalore reisen, um dort armen Waisenkindern Gesangsunterricht zu geben. Ganz ohne Streik.