Theatertruppe Signa Psychospiel in der Zulassungsstelle
Ihr Theater endet für die Zuschauer schon mal mit Kopfschmerzen: nach fünf Glas Pflaumenlikör, der an den Fusel vom China-Imbiss erinnert, nach Rotwein, nach Whiskey, nach Wodka, nach fünfeinhalb Stunden in einem neblig verrauchten Club, wie er in der deutschen Clubrealität längst verboten ist. Aber was ist schon real? Die Kopfschmerzen am nächsten Morgen sind es, so viel ist klar.
Sonst ist so ziemlich alles unklar in den Psychospielen, die sich die Performer der dänisch-österreichischen Theatertruppe Signa ausdenken. Es sind verstörende Parallelwelten, bei denen keine intellektuell abgehangenen Botschaften vermittelt werden, wie sonst so oft im Theater, sondern Erfahrungen. Es sind begehbare Filme, bei denen die Zuschauer zu Mitspielern werden, indem sie mit den eigentlichen Akteuren reden und singen, rauchen und saufen, flirten und knutschen und manchmal noch mehr. Es sind soziale Experimente, bei denen jeder Besucher Verantwortung ergreifen muss - für einen gelungenen Abend, aber auch für seine eigene moralische Integrität.
Und so geht es im Kern um Kontrolle. Um die Kontrolle schwer kontrollierbarer Dinge: Alkohol, Sex, Macht und Gewalt. Und um die Kontrolle der Realität.
Das wird kaum anders sein bei der neuesten Signa-Produktion: "Die Hundsprozesse", so kündigt es die Truppe an, machen aus jedem Besucher einen Angeklagten, ein Opfer einer surrealen Gerichtsbürokratie, ähnlich Josef K. in Kafkas Roman "Der Prozess". Die Uraufführung ist am Dienstag, 19. April, in Köln, der Stätte früherer Signa-Triumphe.
Hüttendorf mit Peepshow und allem Pipapo
2007 war Signa die Entdeckung beim Eröffnungswochenende der Kölner Schauspiel-Intendanz von Karin Beier: Für "Die Erscheinungen der Martha Rubin" bauten die Performer in der Halle Kalk ein Hüttendorf mit Wirtshaus und Wahrsager und Peepshow und allem Pipapo. Dutzende Stunden lebten sie dort, ohne Pause, Tag und Nacht, und die Besucher lebten und soffen mit ihnen, so lange sie wollten und den Wodka vertrugen. Von Stunde zu Stunde gerieten sie dabei stärker zwischen die Fronten streng religiöser Dorfbewohner und diktatorischer Besatzer - und tiefer in die totale Illusion, in der sich Fiktion und Wirklichkeit aufhoben. Zur Belohnung für Signa gab es eine Einladung zum Berliner Theatertreffen, der jährlichen Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen.
2009 kehrte die Truppe zurück nach Köln und verwandelte die ehemalige Travestiebar "Hotel Timp" in eine Art Disneyland mit den Figuren antiker Mythen, einen Geheimclub des Totenreichs, in dem die Götter sieben halbnackte Frauen gefangen hielten - und den Besuchern ein perverses Spiel anboten, um sie zu befreien. Alkohol gab es für lau, in rauen Mengen, Punkte gab es für Gehorsam, etwa dafür, einen der Akteure zu treten oder zu knutschen oder sich ein Dessous überzustreifen. Freigegeben war der verruchte Vergnügungspark ab 18.
Nun folgt Signas dritter Streich in Köln: "Die Hundsprozesse" in der ehemaligen Kfz-Zulassungsstelle in der Herkulesstraße 42, einem seit vier Jahre leerstehenden Behördenbau mit hunderten Zimmern, in dem die Performer mit Vorhängen, Pflanzen und vielen Aktenordnern ein authentisches Büromilieu schaffen wollen. Amtlich und nüchtern.
Wer eintritt, wird angeklagt, wofür auch immer, er weiß es nicht, er wird es nicht erfahren. Zwar kann er sich einen Anwalt suchen, unter den Angestellten der Behörde, zwar kann er sich um einen Zeugen bemühen, unter den Mitangeklagten - allein: Es nützt nichts. Wer eintritt, findet keinen Ausweg aus seiner surrealen Situation.
Die Hundsprozesse. Uraufführung am 19. April in der ehemaligen Kfz-Zulassungsstelle Herkulesstraße 42, Köln. Weitere Termine 20. und 21. sowie 25.-30. April, 10.-5. sowie 17.-22. Mai, Beginn jeweils 18 Uhr, Schauspiel Köln, Kartentelefon 0221/22 12 84 00.