Thomas-Mann-Premiere: Pakt mit dem Teufel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Thomas-Mann-Premiere Pakt mit dem Teufel

Intellektuelle Herausforderung und jede Menge Live-Musik: Die Regisseurin Friederike Heller kombiniert im Wiener Akademietheater Thomas Manns "Doktor Faustus" mit Pop - ein gewagtes Unterfangen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Thomas Mann hat in seinem Leben zwar viel geschrieben, aber nur ein einziges, heute vergessenes Theaterstück fertig gestellt. Dennoch sind seine Werke in den letzten Jahren regelmäßig auf deutschen Bühnen zu sehen gewesen – kluge Dramaturgen haben aus Manns Romanen Stücke destilliert, am erfolgreichsten wohl John von Düffel mit seiner "Buddenbrooks"-Version. Aber auch der "Zauberberg" wurde schon auf die Bühne gewuchtet; zuletzt am Maxim Gorki Theater in Berlin, zuvor auch in Frankfurt am Main.

Friederike Heller war in Frankfurt die Regisseurin; sie hat damals auch an der Fassung mitgearbeitet. Je weniger bühnentauglich, desto dringender muss der Gegenbeweis her, scheint ihr Motto zu sein. Am heutigen Samstag präsentiert sie in dieser Reihe ihren neuesten Coup: Im Wiener Akademietheater kommt ihre Fassung von "Doktor Faustus" heraus, Untertitel: "My love is as a fever". Das ist die erste Zeile eines Shakespeare-Sonetts, das auch im Roman eine Rolle spielt.

Aber natürlich kann Heller, 34, nicht das komplette, hoch komplexe Werk auf der Bühne nachspielen. "Der Zuschauer kriegt nicht die ganze Romanhandlung geliefert", sagt sie offen, "aber ein kohärentes Gedankengebäude." Es ist ihre Überzeugung, dass aus jedem Roman, den man auf die Bühne bringt, ein neues, eigenständiges Werk werden muss, "sonst soll man lieber lesen".

Thomas Manns Roman erzählt das Leben des (fiktiven) Komponisten Adrian Leverkühn, der, um Genialität zu erlangen und die Zwölftonmusik erfinden zu können, einen Pakt mit dem Teufel eingeht – er unterwirft sich einem absoluten Liebesverbot. Sein Leben ist als Parabel zu lesen auf die Geschichte der Deutschen und den Nationalsozialismus.

Das Leben Leverkühns wird rückblickend erzählt von seinem Biografen, der es in den Jahren 1943–1945 aufschreibt. So entsteht eine "dreifache Zeitordnung" – das Leben Leverkühns, das Geschehen um den Biografen, die Jetztzeit des jeweiligen Lesers – die Heller auf der Bühne erhalten will.

Und weil Zwölftonmusik heute so gut wie keine Rolle mehr spielt, gibt es bei ihr stattdessen eigens komponierte, live gespielte Popmusik zu hören.

Heller leugnet nicht, dass ihr Abend eine ziemliche "intellektuelle Herausforderung" werden könnte – sie will auch das "Sprunghafte, Fragmentarische" des Romans erhalten. So werden die Texte der Figuren auch nicht durchgehend von den gleichen Schauspielern gesprochen. Einzig Thomas Mann, den die Regisseurin seinen Roman-Figuren auf der Bühne an die Seite stellt, bleibt der Gleiche: Er wird von Bibiana Zeller dargestellt, einer der Grandes Dames des Burgtheaters.


Doktor Faustus – my love is as a fever. Premiere am 8.11. im Wiener Akademietheater .