Tom Stromberg: "Wir gestalten nicht Wirklichkeit" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tom Stromberg "Wir gestalten nicht Wirklichkeit"

Tom Stromberg, Intendant am Hamburger Schauspielhaus, spricht mit SPIEGEL ONLINE über die Fünfte Spielstätte seines Hauses - einen virtuellen Raum im Internet
Von Julia Bolbrinker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Stromberg, ist die Fünfte Spielstätte der Versuch, die "Generation @" ins Theater zu locken, oder haben Sie aufgegeben und bringen den Leuten jetzt das Theater nach Hause?

Tom Stromberg: Es geht überhaupt nicht darum, dass wir das Theater ersetzen wollen. Wir wollen perfekt informieren über die Dinge, die wir hier tun, und den Leuten die Chance geben, einen Blick auf uns zu werfen. Wir wollen nicht, dass die Menschen zu Hause bleiben, weil sie sagen, dass sie das Schauspielhaus jetzt im Internet angucken können. Aber wir merken, dass ein junges Publikum zunehmend Interesse an uns zeigt.

SPIEGEL ONLINE: Besonders bei der Theater-Soap "world wide web-slums", die im Internet und im Theater spielt?

Stromberg: Im Theater sind die Aufführungen vollgestopft mit jungen Leuten. Sie reagieren auch auf den Auftritt im Internet. 1100 Zugriffe hatten wir in den ersten Stunden, in denen wir das Stück ins Netz gestellt hatten. Daran merke ich, dass dies ein guter Weg ist, um ein jüngeres Publikum anzusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht kontraproduktiv für eine Spielstätte, wenn man es potenziellen Besuchern noch einfacher macht, zu Hause zu bleiben?

Stromberg: Nein. Es gibt ja außer der Soap-Opera keine Aufführungen zu sehen. Die Folgen im Netz erscheinen lediglich zwei Tage, bevor eine neue Folge im Theater spielt. Die Leute sollen sich auf den neuesten Stand bringen können. Die anderen Theaterstücke können nur als Kostproben von 30 Sekunden gesehen werden.

SPIEGEL ONLINE: In "www.slums" leben Menschen in der Internet-Welt zwischen Hysterie und Regression. Man überlegt, ob die neue Welt zum Heulen oder zum Lachen ist...

Stromberg: Die Welt ist natürlich zum Lachen. Die Serie geht aber auch mit den Problemen um, und nicht umsonst sind es die "slums" des Netzes, also die Randbezirke, in denen Leute sich so in das Netz verstrickt haben, dass sie gar nicht mehr wissen, ob sie noch drinnen oder draußen sind. Damit spielt die Serie: Leute wissen nicht, ob sie in der Wohnung oder in ihrem Büro sind, ob sie in einem Showroom sind und mit einem Laptop reisen, oder ob das noch ihr Zuhause ist. Wir alle kennen das. Das Internet entwickelt sich dabei gerade zu einer interessanten Gegenwelt. Selbst Theaterkritiken werden zum Teil nur noch im Internet veröffentlicht oder von Zuschauern ins Netz gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Entwickelt sich der "Reality-Trend", den auch "Big Brother" bedient, hier weiter? Theater im Netz auch als voyeuristisches Programm?

Stromberg: Nein, überhaupt nicht. Die Sehnsucht, sich live zu begegnen, im Auge des Anderen den Fehler oder die Brillanz zu sehen, wird immer größer, je mehr wir über Computer kommunizieren. Man muss nach einer bestimmten Zeit vor dem Bildschirm einfach aus dem Haus. Dann sind die öffentlichen Räume wichtig: Die Galerien, die Fußballstadien und die Theater. Da ist die Chance, Dinge zu erleben, die wirklich live passieren. Jede Vorstellung - auch bei der Soap - ist anders.

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Unterschied denn aus?

Stromberg: Es gibt einen Austausch zwischen Publikum und den Schauspielern. Das ist ein unmittelbares Erlebnis, das ist durch mittelbare Medien nicht zu ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Man hört Sie manchmal sagen: "Die Kunst ist nicht der Spiegel der Wirklichkeit, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet" Bezieht sich das in besonderem Maße auf dieses neue Projekt?

Stromberg: Nun, das ist ein Karl-Marx-Zitat. Mir geht es aber nicht darum, jemandem etwas mit dem Hammer zu geben oder aus ihm einen besseren Menschen zu machen. Wir möchten den Menschen ein Angebot machen, mit uns in Kontakt zu treten. Wir gestalten nicht Wirklichkeit. Ich glaube, dass wir dabei helfen, in dieser Realität die richtigen Fragen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Kunst also doch als Spiegel der Wirklichkeit?

Stromberg: Nein. Kunst ist das Angebot, die Fläche, auf der man sich bewegen kann. Es ist wie eine Folie, die wir anbieten. Auf dieser Folie muss man sich dann bewegen und verhalten - als Entertainer, als Konsument, als Kritiker. Es verhält sich wie beim Tennis: Wir möchten von der Bühne herunter keinen tödlichen Ball spielen, den keiner mehr erreichen kann, sondern wir spielen den Ball möglichst so, dass ihn die Zuschauer zurückspielen können.

SPIEGEL ONLINE: In der Fünften Spielstätte gibt es nicht nur virtuelle Theateraufführungen, sondern auch einen Theaterrundgang, eine Fotogalerie mit einem Digitalfoto des Tages und einen Schreibwettbewerb, der im Januar startet. Ist der Internetauftritt auch eine Imagekampagne?

Stromberg: Die Fotogalerie ist einfach eine Spielerei. Das Wichtigere ist, dass wir über einen Schreibwettbewerb junge Leute zum Schreiben bringen wollen. Es gibt ja nicht einmal einen Grundkurs im Theaterschreiben oder eine Ausbildung für Dramaturgen in Deutschland. Wir suchen nach Texten, die wir lesen und aufführen können. Das Internet ist eine Gelegenheit, kleine Arbeiten abzuliefern und sich auszuprobieren. Man muss etwas tun, um neue Schreibtalente zu entdecken. Normalerweise läuft es ja so, dass jemand einen Text schreibt, ihn zum Verlag schickt und eine Absage bekommt. Das ist bislang die Regel.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es schon Reaktionen auf die Fünfte Spielstätte aus dem Theaterbetrieb?

Stromberg: Einige Kollegen werden sicherlich darauf reagieren und sich auch etwas überlegen. Die konservativen Theatermacher werden Vorbehalte haben und sich Sorgen um das Theaterpublikum machen. Aber wir wollen das Live-Erlebnis ja gar nicht gefährden!

SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt es Ihnen am Hamburger Schauspielhaus, jetzt, wo der erste Eröffnungstrubel vorbei ist?

Stromberg: Ich kann damit sehr gut leben, dass es auch kritische Stimmen gibt, es befördert die Arbeit. Aber gerade durch die überragenden Kritiken der letzten Wochen fühlen wir uns sehr wohl hier und freuen uns auf die nächsten Premieren.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Stromberg: Ich möchte das Haus öffnen. Ein Ort, wo man hingeht, um zu diskutieren, um mitreden zu können. Ich möchte nicht, dass das Theater nur den inneren Kreis von Theaterinteressierten bewegt oder nur gesellschaftliches Parkett ist.

SPIEGEL ONLINE: In "www-slums" sagt einer: "Ich liebe meine Arbeit. Aber manchmal frage ich mich, ob Liebe das Wichtigste ist in meinem Leben." Wäre das ein neues Motto für Sie?

Stromberg: Ich finde, Liebe ist das Wichtigste im Leben. Und damit meine ich natürlich auch die Arbeit. Immerhin habe ich mit Wiebke Puls eine Schauspielerin geheiratet, die hier am Haus spielt.

Mehr lesen über