"Träume 1900 - 2000" Sigmund Freud geht baden
Als Sigmund Freud vor 101 Jahren seine "Traumdeutung" veröffentlichte, fälschte er im Impressum das Publikationsdatum wohl bewusst. Die mit Erscheinungsdatum 1900 in Wien und Leipzig veröffentlichte psychologische Schrift sollte ein Jahrhundertwerk sein. Weniger klar war ihm hingegen, welchen Durchbruch sein Buch für die moderne Kunst darstellen würde trug seine Methode der Traumdeutung doch auch maßgeblich zur Ausbildung eines modernen Verständnisses von der menschlichen Natur bei. Zumal für die Interpretation bildlicher Darstellung erschloss die "Traumdeutung" neue Dimensionen.
Klare Sache, dass eine Ausstellung, die anlässlich des 100. Erscheinungsjahres der "Traumdeutung" konzipiert wurde, auch in der Heimatstadt des Erfinders der Psychoanalyse zu sehen ist. Weniger klar ist, warum das Unterfangen aus den USA importiert werden musste. Ganz unverständlich schließlich, warum so ein Projekt missglückt reichen doch die Künstler selbst viele Hände zur Aufarbeitung der Thematik. "Wir sind den Entdeckungen Freuds zu Dank verpflichtet", schrieb etwa André Breton 1924 im "Surrealistischen Manifest". "Auf Grund dieser Entdeckungen bildet sich endlich eine Strömung im Denken heraus, mit deren Hilfe der Erforscher des Menschen seine Untersuchungen weiter zu treiben vermag, da er nun nicht mehr nur summarische Fakten in Betracht zu ziehen braucht."
Nun, die Surrealisten stellen in der von Lynn Gamwell kuratierten Schau nur einen kleinen Teil. Der Bogen der interdisziplinär angelegten, jedoch allzu materialreichen Schau spannt sich von Kokoschka und Kubin als symbolistischen Freud-Zeitgenossen über den Surrealismus (Klee, Bellmer, Magritte, Ernst, Dalí), den amerikanischen insbesondere von C.G. Jung und Lacan beeinflussten Abstrakten Expressionismus (Gottlieb, Pollock), die Pop Art (Johns) bis in die Gegenwart (Viola, Hill, Baldessari, Jürgenssen, Rainer, Clemente). Einen interessanten Exkurs stellt die Gegenüberstellung von Jim Dines Lithographie über den als "Wolfsmann" in die Literatur eingegangen Freud-Patienten und einem Gemälde des richtigen "Wolfsmannes" Sergej Pankejew dar. Ansonsten aber verliert sich die ungegliederte und schlecht inszenierte Schau in bravem Akademismus. Vertan wurde auch die Chance, das moderne Potenzial des Films als parallel zur Psychoanalyse entstandener Kunstform auszuschöpfen. Die in der Schau projizierten Filmschnipsel von Méliès bis Tarkowski, Chaplin bis Hitchcock, Buñuel & Dalí bis Kurosawa wären weit seriöser als eigene Programmschiene zu präsentieren.
Historisches Museum der Stadt Wien: "Träume 1900-2000. Kunst, Wissenschaft, und das Unbewusste" (bis 11.6.) Weitere Stationen sind das Binghamton University Art Museum, Binghamton (NY) sowie die Passage de Retz in Paris vorgesehen. Ein ausführlicher Katalog mit Aufsätzen von Lynn Gamwell, Ernest Hartmann & Donald Kuspit ist im Prestel Verlag erschienen. Er kostet 128 Mark.