Turner-Preis-Gewinnerin Abts Die Linientreue
48 mal 38 Zentimeter, die klassische Porträtgröße - das ist ihr Format. Tomma Abts, gebürtige Kielerin, malt seit acht Jahren ausschließlich Werke in dem so handlichen wie unauffälligen Format. Ihre Sujets sind stets abstrakt, das Leitmotiv sind geometrische Strukturen, hauptsächlich in Acryl und Öl: Kreise, Dreiecke, Linien. Reliefartige Kompositionen, die sich von einer monochromen Bildfläche abheben.
Kleine Formate, abstrakte Sujets: Diese Zurückhaltung hat einen gewissen Wiedererkennungswert, man könnte darin sogar ein klug gewähltes Markenzeichen in der auf größtmöglichen Effekt getrimmten Kunstwelt sehen. Doch vor allem zeugt Abts reduzierte Bildsprache von ihrer stillen Weigerung, sich nach irgendwelchen zeitgenössischen Strömungen zu richten. Tatsächlich malt Abts malt seit Jahren konsequent am Trend vorbei.
Ihre Beharrlichkeit hat sich gelohnt: Als erste Malerin überhaupt wurde die in London lebende Künstlerin jetzt mit dem renommierten britischen Turner Preis ausgezeichnet. Der war in der Vergangenheit eher dafür bekannt, Skandale auszulösen als zurückhaltenden Künstlern ein Forum zu geben. Doch nun fiel die Wahl auf Abts, die Buchmacher müssen diese Trendwende, die sich allerdings schon in den vergangenen Jahren angedeutet hatte, vorausgeahnt haben - sie hatten sie als Favoritin geführt. Die Künstlerin ist die zweite Deutsche, die den Preis bekommt, nach dem Fotografen Wolfgang Tillmanns, der vor sechs Jahren ausgezeichnet wurde.
Abts setzte sich gegen eine starke Konkurrenz durch: neben dem Videokünstler Phil Collins waren die Bildhauerin Rebecca Warren und der Plakatkünstler Mark Titcher nominiert worden. Die Jury lobte ihr Werk, es unterscheide sich stark von anderen Künstlern ihrer Generation. "Es ist eine Ehre, diesen Preis zu erhalten", bedankte sich Abts mit der ihr eigenen Zurückhaltung. Zu den rund 37.000 Euro Preisgeld sagte sie lakonisch: "Ich weiß zwar noch nicht, was ich mit dem Geld anfange, aber es ist sehr nett."
Es ist allerdings ein Irrtum zu glauben, die Jury habe mit der Ehrung einer deutschen Malerin dem internationalen Boom des "New German Painting" Rechnung tragen wollen. Tomma Abts lebt seit zwölf Jahren in London und könnte mit ihrem abstrakten, schwer zugänglichen Werk kaum weiter entfernt sein von deutschen Superstars wie Neo Rauch oder Daniel Richter, die allesamt figurativ malen und, wie Neo Rauch jüngst in einem Interview mit dem SPIEGEL bekannte, Abstraktion als langweilig und "zu einfach" ablehnen.
Was Abts betrifft, so sind ihre Werke, die nach dem Prinzip des Malens und Übermalens entstehen, alles andere als simpel: Unzählige Farbschichten trägt sie auf die Leinwand auf und schafft pastose Terassenlandschaften aus Farbe, die an geologische Schichtungen erinnern. Oft dauert es Jahre, bis diese "Konzentrate" - so nennt die Künstlerin ihre Gemälde - vollendet sind. Meist scheint das eigentliche Bild unter einer atmosphärisch düsteren Oberfläche versteckt zu sein. Die Farben, schrieb ein Kritiker, erinnerten an die frühen siebziger Jahre, an die Zeit also, in der Abts noch ein Kind war: "Cordhosen-Braun, Parka-Oliv und dann noch die Metalltöne."
Tomma Abts wurde 1967 in Kiel geboren. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin, seit 1995 lebt sie in London. Auf den ersten Blick erinnern ihre Bilder an die frühe Moderne, an Kubismus oder Konstruktivismus. Erst beim Näherkommen enthüllt sich ihre lebendige Tiefenstruktur.
Doch auch wenn Abts bisher hauptsächlich im Stillen arbeitete und in ihrem Heimatland kaum bekannt ist, ist sie Kennern längst ein Begriff. Für ihre Bilder wurden Anfang des Jahres in ihrer Londoner Galerie immerhin Preise von über 20.000 Euro pro Stück gezahlt. Da hatte sie ihre erste große Museumseinzelausstellung in der Kunsthalle Basel gerade hinter sich, vorher waren ihre Arbeiten in Gruppenausstellungen wie die "deutschemalereizweitausenddrei" im Frankfurter Kunstverein zu sehen.
"Lübbe", "Epko" oder "Koene" heißen die Bilder - individuelle, fremd und lautmalerisch klingende Namen für geometrische Formen, die keinen Hinweis geben auf ihre aufwendige Entstehung. Nur das Dreidimensionale des Übermalens, die kleinen Schatten früherer Schichten, zeugen vom langen Entstehungsprozess. Für die Künstlerin haben alle Namen eine Bedeutung - sie stammen aus einem friesischen Vornamenwörterbuch.
Apts ist eine langsame Arbeiterin, sie malte im vergangenen Jahr kaum mehr als zehn Bilder. Die vom Turner-Preis aufgescheuchten Sammlern werden sie kaum aus der Ruhe bringen können. Ein Kunstkritiker des britischen "Guardian" verglich sie einmal mit einer Pokerspielerin, die ruhig spiele und nichts vergebe. Seine Prognose: "Solche Spieler bleiben am längsten im Spiel."