Turner-Preis-Kandidaten Gewagt in Form
Woran erkennt man eigentlich, was Kunst ist?, wurde Jeremy Deller, der Turner-Preis-Träger des letzten Jahrs, neulich im Interview gefragt. "Am Preis" war die Antwort. Es klingt sarkastisch und ist doch wahr: Die ästhetische Produktion mag noch so widerständig und kritisch sein, sie wird doch in den Warenkreislauf eingespeist.
Turner-Preis 2005: In Form bleiben mit gewagten Ideen
Den Turner-Preis-Nominierten dieses Jahres dürfte es egal sein; sie werden sich, verständerlicherweise, über die Anerkennung freuen, die ihrer Arbeit jetzt zuteil wird. Wenn am 5. Dezember bei einer großen Gala in der Tate Britain der Gewinner den mit 25.000 Pfund (37.000 Euro) dotierten Preis entgegennimmt, wird die künstlerische Leistung noch in einer anderen Währung vergolten: in medialer Aufmerksamkeit.
Medien sind jedoch nicht nur die Multiplikatoren, sondern teilweise auch der Gegenstand der nominierten Künstler selbst: Darren Almond, 34, zum Beispiel arbeitet seit geraumer Zeit mit Videos und Fotos. Sein nominiertes Werk ist eine Installation namens "Terminus 199" und zeigt zwei Bushaltestellen, die früher vor dem Auschwitz-Museum in Polen standen und als "stilles Denkmal" an den Holocaust gemahnen sollen.
Simon Starling, bekannt für seine spielerisch-poetischen Installationen, ist mit einem skurrilen, überfrachteten Fahrrad vertreten; Jim Lambie, 41 bezieht sich in seinem Werk auf seine Erfahrung als DJ und Musiker und präsentiert poppig-psychedelisch anmutende Plattenspieler, die, wie das Kunstmagazin "Art" anmerkt, an die abstrakte Bildhauerei der sechziger Jahre erinnern.
Favoritin der Buchmacher ist Gillian Carnegie: Die 34-jährige Malerin orientiert sich weniger an der Konzeptkunst der letzten Jahre, sondern variiert klassische Genres der Malerei wie Landschaft, Porträt und Stilleben. Bekannt ist ihre Serie eines langsam verwelkenden Blumenstraußes.
Die Kunstszene wird allerdings aufblühen: Der Turner-Preis ist immer für eine Debatte, manchmal sogar für Skandale gut. Damit auch der Laie auf der Straße miteifern kann, gibt es dieses Jahr erstmals eine vom Sponsor Gordon's Gin finanzierte Media-Show: Auf den größten Bahnhöfen Englands sollen Bildschirme installiert werden, die die aktuellen, in der Tate ausgestellten Arbeiten der Turner-Preis-Aspiranten zeigen.