Turner Prize 2001: Warten auf die Aufregung - DER SPIEGEL
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Turner Prize 2001 Warten auf die Aufregung

Als Favorit für den diesjährigen Turner Prize wird der Installationskünstler Mike Nelson gehandelt. Doch weder er noch seine drei Konkurrenten können mit ihren skandalumwobenen Vorgängern mithalten. Gut, dass wenigstens Pop-Diva Madonna als Preisverleiherin für ein bisschen Glamour sorgt.
Von Carolin Ströbele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Engländer lieben Traditionen. So findet auch in diesem Jahr wieder kurz vor Weihnachten eine altbekannte Prozedur statt. Ein paar konservative Malerei-Liebhaber stellen sich schimpfend vor die Tate Gallery und protestieren gegen den Niedergang der Kunst, ein paar Feuilletonisten graben alte Skandale aus den Künstlerbiografien hervor, und die Buchmacher fangen an, Wetten entgegenzunehmen. Grund der Aufregung ist die Verleihung des mit 20.000 Pfund (62.000 Mark) dotierten Turner-Preises am kommenden Sonntag.

Allerdings scheinen die Diskussionen diesmal tatsächlich eher der alten Gewohnheit zu entspringen als aufrichtig empfundener Aufregung. Denn die Werkschau der vier nominierten Künstler in der Londoner Tate Gallerie, die in den vergangenen Jahren regelmäßig die Kunstszene gespalten hat, kommt im Jahr 2001 erstaunlich zahm daher. Kein geschlachtetes, eingelegtes Schaf wie einst bei Damien Hirst und auch kein benutztes Bett plus dazugehörigem Kondomabfall wie bei der 1999 nominierten Tracy Emin gibt es diesmal zu sehen.

Nominierte sind Neulinge

Im vergangenen Jahr konnte die britische Presse immerhin schon im Vorfeld der Verleihung laut aufheulen. Schließlich hatte die Jury damals mit der Nominierung von Wolfgang Tillmans gleich zwei Tabus verletzt: Zum ersten Mal wurde ein Fotograf vorgeschlagen, und dann auch noch ein Nicht-Brite. Da half es auch nichts, dass der gebürtige Deutsche seit Jahren seinen Wohnsitz in London hat. Als Tillmans dann auch noch als Sieger gekürt wurde, gab es kein Halten mehr: "Deutscher Pornofotograf gewinnt Turner-Preis", ereiferten sich britische Zeitungen in Anspielung auf einige Bilder des homosexuellen Fotografen, die masturbierende Männer zeigen.

Die vier Nominierten des Jahres 2001 sind fast alle relative Neulinge in der Kunstszene. Selbst Tate-Direktor Sir Nicholas Serota musste bei der Bekanntgabe der Namen eingestehen, dass die Anwärter "nicht gerade sehr bekannt" seien. Am meisten Widerhall in der Öffentlichkeit haben bisher die Arbeiten von Richard Billingham gefunden. Seine trostlosen Aufnahmen vom Leben in englischen Sozialbauten, veröffentlicht in dem Bildband "Ray is'n Witz", erregten in der Kunstwelt großes Aufsehen. Das Thema der Serie ist nicht gerade neu, was den Bilder jedoch eine besondere Authentizität und Wirkungskraft verlieh, war vor allem die Tatsache, dass es sich bei den fotografierten Menschen um die Familie des 31-jährigen Künstlers handelt.

"Leben auf der Kippe"

Als Spitzenreiter, zumindest unter den Londoner Buchmachern, gilt derzeit der neue Shooting-Star der britischen Kunstszene, Mike Nelson. Der 34-Jährige hatte bereits auf der diesjährigen Biennale in Venedig mit seinen labyrinthischen Rauminstallationen für Aufsehen gesorgt. Auch in der aktuellen Ausstellung in London muss sich der Besucher durch rumpelkammerartige Räume schlängeln, die mit allerlei nutzlosen Alltagsgegenständen gefüllt sind. Nach Ansicht der Jury schafft der Künstler Orte, die "ein Gefühl der Bedrohung, der Gefahr oder eines Lebens auf der Kippe" vermitteln. Von Kritikern wird ihm vorgeworfen, mit seiner wiederkehrenden Thematik langsam berechenbar zu werden.

Stoff für Polemik bietet vor allem das Werk von Martin Creed. Es trägt den Arbeitstitel "Work No. 227: The Lights Going On And Off". Und viel mehr als ein schmuckloser Raum, bei dem immer wieder das Licht aus- und angeht, verbirgt sich tatsächlich nicht dahinter. Bereits "Work No. 88" hatte für einen Aufschrei in der Kunstwelt gesorgt: Es handelte sich dabei um ein zusammengeknülltes Stück Papier, das einsam an der Wand klebte. Die Juroren rühmen an Creed die "Strenge und Reinheit" seines Werks.

Cowboy-Erotik

Als "oberflächlich" verreißen die britischen Feuilletons den Filmemacher Isaac Julien, den "Außenseiter" unter den Nominierten. Mit 41 Jahren ist er mit Abstand der Älteste in der Riege der "enfants terribles" und kann mit einer Gastprofessur in Harvard auch schon ein gewisses Standing in der internationalen Kunstszene vorweisen. Der homosexuelle Künstler verarbeitet die Beziehung zwischen Männern auch in seinen Filmen: Seine Video-Arbeit "The long Road to Mazatlan", für die er unter anderem für den Turner Preis nominiert wurde, schildert die erotischen Spannungen zwischen zwei einsamen Cowboys.

Obwohl in diesem Jahr die handfesten Skandale fehlen, wird das Medienereignis Turner-Preis sicher nicht weniger gefeiert werden. Zumindest die Pop-Diva und selbst ernannte Kunstliebhaberin Madonna wird bei der Live-Übertragung die Kameras auf sich ziehen.