TV-Comedy "Little Britain": Lizenz zur Inkontinenz - DER SPIEGEL
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TV-Comedy "Little Britain" Lizenz zur Inkontinenz

Genialer Unfug im Geiste von "Monty Python": Die Macher von "Little Britain" sind mit Crossdressing- und Bad-Taste-Kunst in ihrer Heimat zu Kultur-Ikonen avanciert. Jetzt kommt die BBC-Produktion endlich ins deutsche Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Großbritannien ist ein Land, das sich selbst zu feiern weiß. Nicht immer sind die Gründe für den Rest der Welt nachvollziehbar. "Britain! Britain! Britain!" seufzt die Erzählerstimme stolz und selig am Anfang jeder Sendung, während die Fanfaren jubilieren wie bei einer Krönungszeremonie. Doch auch wenn "Little Britain" im Stile eines Kulturformats beginnt, mit dem Austauschschüler an die Sitten und Gebräuche im Königreich herangeführt werden sollen – schnell wendet sich die Sendung in eine Parade der Paradoxien und Perversionen.

Was 2000 als Radioprogramm begonnen hat und ab 2003 als Fernsehserie durch verschiedene BBC-Kanäle auf immer populärere Sendeplätze gehoben wurde, gilt in Großbritannien längst als humoristisches Heiligtum. Der "Guardian" nennt die Macher "Nationaldenkmäler", der "Independent" feiert sie als "Kultur-Ikonen". Die Begeisterung ist nachvollziehbar, wurde doch seit den Tagen von "Monty Python" grober Unfug nicht mehr mit solch anthropologischem Hintersinn produziert.

Die in jeder Sendung wiederkehrenden fiktiven Charaktere haben auf der Insel längst selbst ikonischen Status erreicht. Da ist zum Beispiel der Rollstuhlfahrer Andy, der seinen freundlichen Pfleger immer abstrusere Wünsche erfüllen lässt. Da ist der strenge Lehrer eines Elite-Internats, der seine Schüler drakonisch zu Stille und Konzentration antreibt – um diese Atmosphäre geballter Gelehrsamkeit dann mit immer neuen Einfällen grandios zu zerstören. Und da ist der jugendliche Galan, der sich unsterblich in die Großmutter seines Freundes verliebt hat und die demente und inkontinente Greisin nun auf rührende Weise zu becircen versucht.

In Gummi-Hotpants im Proleten-Pub

Der Grad an politischer Korrektheit entspricht bei "Little Britain" also ungefähr dem von "Borat". Doch mit welcher Genauigkeit und Sorgsamkeit die Figuren in ihrer Absurdität ausgearbeitet worden sind, zeugt eben auch von einer großen Liebe zu ihnen.

Das gilt gerade auch für den Charakter namens Daffyd Thomas aus dem walisischen Kaff Llandewi Breffi, der einmal pro Folge seinen Sonderstatus als Schwuler des Ortes einfordert. Erst quietscht er, dann klagt er: Der junge Mann schiebt sich in komische Geräusche verursachenden Gummi-Hotpants oder Fetisch-Kostümen an den Tresen eines Proleten-Pubs und seufzt der Wirtin in die Biergläser, dass es so schwierig sei, als einzige Person des Ortes gay zu sein. Die Wirtin blickt stets verständnisvoll, weist aber auch auf Kontaktmöglichkeiten hin. Sie liest ihm aus dem Lokalanzeiger vor, wo schwule Kochgruppen, schwule Debattierzirkel oder schwule Sexclubs annoncieren; sie erinnert daran, dass ja auch der Vikar ein enges Verhältnis zu Männern pflege; und sie macht ihn darauf aufmerksam, dass just in diesem Moment und genau vor seinen Augen eine Gruppe homosexueller "Star-Trek"-Fans in ihrer Kneipe tage. Ach, es ist so schwer der einzige Schwule zu sein – wenn um einen herum auf einmal die ganze Welt schwul ist!

Nonsens - ganz ernsthaft

Die deprimierte walisische Tunte, die aufs aller Komischste jegliche Wahrnehmung von schwulem Leben auf ihrem Planeten verweigert, wird von Matt Lucas gespielt, einem sehr kleinen und sehr dicken Künstler, der selbst Männer liebt. Gemeinsam mit David Walliams, seinem sehr großen und sehr dünnen Kompagnon, der ebenfalls oft und gerne in Frauenkleider steigt, aber heterosexuell sein soll, bildet er die Kernmannschaft von "Little Britain". Und weshalb funktioniert ihr Nonsens so gut? Weil Lucas und Walliams ihren Camp-Humor und ihre Crossdressing-Eskapaden als denkbar ernsthafte Sache betreiben. Das Dysfunktionale und das Debile – hier wird es mit geradezu wissenschaftlicher Präzision in Szene gesetzt.

Am besten lässt sich das wohl an der Figur der Vicky studieren, einer minderjährigen Delinquentin, die Matt Lucas in quietschrosa Kleidchen spielt: Die Tiraden aus Schimpfworten und Gedankenstummeln, mit der die Leistungs- und Sinnverweigerin Vicky im Laufe der unterschiedlichen Folgen Lehrer, Richter und Bademeister zusammenstaucht, werden mit einer phonetischen Brillanz vorgetragen, die jeden Gangstarapper vor Neid erblassen lassen würden. Ob die Synchronisation durch die nicht wirklich komischen "Wixxer"-Schöpfer Oliver Welke und Oliver Kalkhofe aufgeht, die der Sender Comedy Central für die späte deutsche "Little Britain"-Erstausstrahlung vornehmen lassen hat, bleibt abzuwarten.

Wo die Engländer großen Unsinn in große Kunst verwandeln, verkommt der Aberwitz im Deutschen ja in der Regel zur Albernheit. Wenn man auch im Rest der Welt nicht so recht weiß, weshalb die Briten sich selbst für die Größten halten – ihr Humor bleibt eben doch unerreichbar.


"Little Britain", montags 20.15 Uhr, Comedy Central

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