TV-Filme Antikommunistische Ein-Mann-Armada
Spitzeltätigkeit und Filmarbeit liegen dicht beisammen. Hier wie dort werden Informationen aus den privatesten Winkeln eines Menschenlebens gesammelt, um sie zu einer schlüssigen Erzählung zusammenzusetzen. Diskretion ist also unangemessen. Der nachrichtendienstliche Auftraggeber muss alles über das Objekt der Observation wissen, um es manipulieren, lenken und gegebenenfalls ausschalten zu können. Der Kino- oder Fernsehzuschauer indes muss alles über den Helden wissen, um seinem Handeln folgen zu können.
Da erscheint es erst mal konsequent, dass der Regisseur Stephan Wagner für sein deutsch-deutsches Fluchthelfer- und Spionagedrama "Der Stich des Skorpions" (heute Abend, 20.45 Uhr auf Arte) gelegentlich im wahrsten Sinne des Wortes die Spitzelperspektive einnimmt. Sein Film handelt vom DDR-Häftling Wolfgang Stein (Jörg Schüttauf), der vom Westen freigekauft wird, Leidensgenossen aus dem Osten über die Grenze schmuggelt und dafür von der Stasi ins Visier genommen wird.
Privatsphäre ist für ihn eine Illusion, das eheliche Schlafzimmer etwa erscheint nicht geschützter als ein Glaskasten. In einer der perfidesten Szenen sieht man den Fluchthelfer vor dem Liebesakt mit seiner Frau Anne (Martina Gedeck), die Kamera scheint dabei an der Zimmerdecke befestigt zu sein. Unmöglich, ihrem Blick zu entkommen.
Die Perspektive ist dem Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt - es ist die gleiche wie auf den Fotos, die Stasi-Schergen zuvor der Ehefrau vorgelegt haben, um sie einzuschüchtern und zu erpressen. Weil sie ihren Mann schützen will, beginnt sie hinter seinem Rücken Informationen über seine Aktionen weiterzureichen. Beim Sex im überwachten Schlafzimmer bittet sie ihn fortan darum, er möge doch das Licht ausschalten. Der große sozialistische Bruder beobachtet dich - und legt auch in der Nacht keine Pause ein.
So wird "Der Stich des Skorpions" in einen wirkungsvollen Paranoia-Thriller gewendet, in dessen Verlauf sich jede noch so aberwitzige Mutmaßung der Filmfiguren als wahr erweist. Regisseur Wagner und sein Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt entwerfen ein lückenloses, weit in den Westen hineinreichendes System der Überwachung und Manipulation, in dem jeder zum Schuldigen wird - außer die Hauptperson selbst, die ungeachtet aller Zumutungen selbstlos und gerecht gegen die ostdeutsche Diktatur zu Felde zieht. Das wird leider zum Glaubwürdigkeitsproblem für den Film. Denn er folgt allzu hörig der Opfer- und Rächerbiografie, ohne deren Widersprüche und Ungereimtheiten genügend zu reflektieren.
Den Fluchthelfer aus "Der Stich des Skorpions" gibt es indes tatsächlich. Er heißt in Wirklichkeit Wolfgang Welsch und legte 2001 seine Autobiografie "Ich war Staatsfeind Nr. 1" vor. Darin beschreibt er, wie er nach einer gescheiterten "Republikflucht" sieben Jahre im DDR-Knast Bautzen einsaß; wie er 1971 von der Bundesregierung freigekauft wurde; wie er eher nebenbei begann, Leute über verschlungene Transitstrecken in den Westen zu lotsen und sich daraus schließlich ein kleiner klandestiner Grenzverkehr entwickelte. An die 200 Menschen hat Welsch aus der DDR geschleust.
Das Ministerium für Staatssicherheit ließ ihn deshalb beschatten, was Welsch nicht weiter beunruhigte. Aber erst nach der Wende, als er Einsicht in die Stasi-Unterlagen zu seiner Person erhielt, wurde er des ganzen Ausmaßes gewahr: Man hatte nicht nur die "Operation Skorpion" ins Leben gerufen, um den, wie es im Stasi-Jargon hieß, "kriminellen Menschenhändler" aus dem Verkehr zu ziehen, sondern auch sein allernächstes Umfeld als Spitzel engagiert - neben seiner Frau auch einen langjährigen Freund.
Der war denn auch für einen Liquidationsversuch verantwortlich, der als "Bulettenmord" in die Geschichte der deutsch-deutschen Spionage einging: Während eines Israel-Urlaubs briet der Freund Welsch und seiner Familie mit Rattengift versetzte Fleischbällchen. Wie durch ein Wunder überlebte Welsch samt Frau und Tochter.
Der von Arte und dem WDR produzierte (und mit weiteren Darstellern wie Matthias Brandt oder Ulrike Krumbiegel exzellent besetzte) TV-Film rekonstruiert nun diesen düster-spektakulären Lebensweg - und verlässt sich dabei gänzlich auf die Erinnerungen und Analysen des glühenden Antikommunisten Welsch. Doch "Der Stich des Skorpions" kommt auch als Tragödie über schuldhafte Verstrickungen im Einflussbereich eines totalitären Systems daher, und deshalb ist es keine kluge Entscheidung, den Hauptakteur dieser Tragödie selbst erzählen zu lassen - eben weil sein Bemühen die Vorgänge zu rekonstruieren legitimer Weise lückenhaft bleibt.
Während zum Beispiel die Strategien und Schurkereien der Stasi ausgerollt werden, bleibt das Handeln der westlichen Gegenspieler freundlich-diffus. Welsch aber konnte sich bei seinen Aktionen der Hilfe von höchsten politischen Instanzen der Bundesrepublik versichern. Was waren nun die Interessen und Ideen seiner staatlichen Unterstützer? Im Film erfährt man es nicht. Da reicht ihm nur ein ominöser Strohmann (Hannes Jaenicke) mit trockenen Solidaritätsbekundungen Telefonnummern, Euroschecks und auch mal eine Waffe.
So marschiert der edle Schleuser oft nur soldatisch-steif und mit schwerem ideologischem Rüstzeug durchs Tauwetter des Kalten Krieges. Eine antikommunistische Ein-Mann-Armada im Kampf gegen den gesamten Ostblock.
Der Stich des Skorpions
Deutschland 2004. Regie: Stephan Wagner. Buch: Holger Karsten Schmidt. Darsteller: Jörg Schüttauf, Martina Gedeck, Matthias Brandt, Ulrike Krumbiegel, Hannes Jaenicke. Produktion: Arte, WDR, Studio Hamburg. Sendetermin: Freitag, 19. November 2004, Arte
Gegendarstellung
Der Artikel auf der Internet-Seite von SPIEGEL ONLINE/KULTUR/TV-Filme vom 19. November 2004 mit der Überschrift "Antikommunistische Ein-Mann-Armada" mit Bezug auf den arte-Film zum Thema Fluchthilfe enthält unrichtige Behauptungen, die ich wie folgt richtig stelle:
Es wird behauptet: In "Der Stich des Skorpion" wiederholt der Fluchthelfer gebetsmühlenartig, dass er an seinen Befreiungsaktionen nicht verdienen will. Von den Erretteten lässt er sich nur die Unkosten erstatten, sie schauen ihn darauf stets an wie den Erlöser. Tatsächlich aber häufte der echte Welsch im Westen einen beachtlichen Immobilienbesitz an.
Ich stelle hierzu fest, dass ich Immobilienbesitz weder habe noch hatte. Ich bin und war zu keiner Zeit in einem Grundbuch als Eigentümer oder Miteigentümer von bebauten oder unbebauten Grundstücken eingetragen. Ich halte und hielt zu keiner Zeit Anteile an Grundstücks- oder Immobiliengesellschaften.
Wolfgang Welsch
Dr. phil. Uk.
Schriftsteller, Publizist