TV-Held Bundeskanzler Menscheln mit Macht
Die Ostsee plätschert, die Möwen kreischen, der Kanzler seufzt. "Ich habe Zweifel, tiefe Zweifel, an allem, was ich tue", vertraut er sich der jungen Politologin an, die ihn in seinem Refugium am Meer besucht. Kurz zuvor ist er aus Berlin geflüchtet, keinen seiner politischen Freunde hat er informiert. "Politische Freunde?" - wieder seufzt das Regierungsoberhaupt: "Was hält uns denn zusammen, außer der Angst zu scheitern!"
Mächtig verzagter Held
Der Kanzler in der Sinnkrise: Die ARD-Produktion "Spiele der Macht - 11011 Berlin" zeigt ihn als verzagten Helden, als Mann ohne Macht im Zentrum der Macht. Manfred Zapatka spielt den Kanzler, der im Film nicht nur keine Macht, sondern auch keinen Namen hat, beredt, besonnen, bildungsbeflissen. So einen hätte man gerne in Berlin sitzen. Martina Gedeck spielt die Professorin, die ruhig und selbstbewusst bohrt, auf dass sich der Politiker mental entblättert. Bis unter der Medienpersona der Mensch zum Vorschein kommt.
Dass auch der Bundeskanzler nur ein Mensch ist, hielten die Verantwortlichen des deutschen Fernsehens bis vor kurzem eher für unwahrscheinlich. Jedenfalls stellte man ihn, wenn überhaupt, in seiner Rolle als Staatsmann dar; private Sorgen und innere Zweifel wurden weitgehend ausgeklammert - oder, wie im Falle des Brandt-Thrillers "Im Schatten der Macht", aus der historischen Distanz betrachtet.
Doch nun haben die öffentlich-rechtlichen Sender ihn im großen Stil für die fiktionale Ausgestaltung entdeckt. Selbst als romantischer Held taugt er inzwischen. So hat sich Robert Atzorn bereits letztes Jahr als Regierungschef in der ARD-Schmonzette "Küss mich, Kanzler!" in eine osteuropäische Reinigungskraft verliebt.
Ein bisschen seriöser, aber ebenfalls menschelnd geht es im ZDF-Zwölfteiler "Kanzleramt" zu, der im März startet. Für den realistischen Look hat man keine Mühen gescheut. Ebenso wie die ARD-Konkurrenz bei "Spiele der Macht" durfte man nicht im echten Kanzleramt drehen und bildete es deshalb auf einem Industriegelände nach. Die Kosten allein dafür werden mal mit 500.000, mal mit 800.000 Euro beziffert. Sollten die Einschaltwerte so gut sein wie vom ZDF erhofft, wird es eine zweite Staffel geben. Dann könnte man die teure Deko stehen lassen und darin weiterdrehen.
Regierungschefs als Entertainer
Der Kanzler als Quotengarant? Ruhrpottkumpeltyp Klaus J. Behrendt soll es in "Kanzleramt" möglich machen. Er steht als positive Figur im Zentrum der Handlung, um ihn wuseln als nicht immer ganz so sympathischer Beraterstab Heikko Deutschmann, Herbert Knaupp, Claudia Michaelsen und (diesmal als Kanzleramtschef) Robert Atzorn herum. Die Drehbücher wurden von Martin E. Süskind, ehemals Chefredakteur der "Berliner Zeitung", zusammen mit Regisseur Hans-Christoph Blumenberg verfasst. In ihnen sollen sich zwar reale Regierungsaktivitäten spiegeln - aber keine realen Regierungsmitglieder zu erkennen sein.
Wer den Hauch des Authentischen braucht, wurde ja bereits von der ARD bedient: Hier lief nach der Vorpremiere auf Arte zwischen den Jahren an fünf Nachmittagen die Doku-Soap "Das Kanzleramt". Kaffeekränzchen mit dem Kanzler: Produzent Thomas Schadt, der aufgrund seiner Schröder-Porträts ("Der Kandidat") über gute Kontakte in die Regierungszentrale verfügte, machte es möglich, dass man den Arbeitsalltag der vielen kleinen Angestellten dort abfilmen durfte. Manchmal stieg Schröder während des Drehs sogar vom Kanzler-Olymp herunter.
Während das Fernsehen hier zu Lande erst jetzt einen Unterhaltungswert im Regierungschef auszumachen beginnt, hat man dies im angelsächsischen Raum schon längst erkannt. Die Liste an Hollywood-Größen, die sich fürs Kino bereits als US-Präsidenten andienten, ist lang. Harrison Ford, Michael Douglas und Jeff Bridges etwa spielten schon ehrenwerte Präsidenten, Alan Alda und Anthony Hopkins präsentierten die dunkle Seite des Regierungschefs. Einen der erfolgreichsten TV-Präsidenten verkörpert Martin Sheen in der Serie "West Wing", die seit gut fünf Jahren auf NBC läuft und von der sich das ZDF fürs "Kanzleramt" anspornen ließ. Der Präsident in "West Wing" ist eindeutig als Demokrat zu identifizieren; der Kanzler im Zweiten lässt sich indes keiner Partei zuordnen.
Möglichst keine Partei ergreifen
Bei ARD und ZDF werden - ganz öffentlich-rechtlich - eben auch die fiktiven Charaktere paritätisch ausgestaltet. Zumindest bemüht man sich darum. So erklärt Manfred Zapatka im Presseheft zu "Spiele der Macht", er hätte sich von Kanzlern beider großen Parteien inspirieren lassen - unter anderem von Kohl.
Als Beweis, dass auch der Langzeit-Regierungschef der CDU in seine Rolle eingegangen ist, verweist er auf den Witwerstatus seines namenlosen Filmkanzlers. Eine fadenscheinige Argumentation. Kohl sucht man in Zapatkas Darstellung vergeblich. Dafür findet man darin zuweilen den charismatischen Grübler Brandt, den scharf gescheitelten Rhetoriker Schmidt (den Zapatka einst schon in "Todesspiel" darstellte) oder den Medienzampano Schröder.
Ansonsten versuchen Regisseur Markus Imboden ("Hunger auf Leben") und Autor Rainer Berg tunlichst, die Figuren in "Spiele der Macht" parteipolitisch unscharf zu halten. Das nimmt dem Taktieren in der Schaltzentrale der Regierung zuweilen die Würze, als generelle Studie über die Dynamiken der Macht funktioniert der Film allerdings recht gut. Um den Kanzler herum hektische Betriebsamkeit, er selbst aber befindet sich in einer Art Machtvakuum. Berater, Öffentlichkeitsarbeiter und Politikmanager sammeln die negativen Informationen über ihren Chef und orchestrieren die positiven - und je geschickter sie das tun, desto mehr sichern sie die eigene Position. Ein wahnsinniger Kraftaufwand, den machtpolitischen Status quo zu erhalten. Energie für echte Gestaltung bleibt da nicht.
Der Regierungschef, müde vom undurchsichtigen Taktieren, formuliert gegenüber der Politologin am Meer seine neue angestrebte Linie mit den Worten "weniger Parteibuch, mehr Fachkompetenz". Das klingt zwar so medientrainiert, als ob er auch beim Strandspaziergang die TV-Kameras wittert. Doch ach, man hat diesen Bundeskanzler da bereits so ins Herz geschlossen, dass man ihm auch die abgedroschenste Politikfloskel glauben will.
"Spiele der Macht - 11011 Berlin". Regie: Markus Imboden. Darsteller: Martina Gedeck, Manfred Zapatka, Axel Milberg, Joachim Bißmeier. ARD, Mittwoch, 5. Januar 2005, 20.15 Uhr.