TV-Komödie "Mein alter Freund Fritz" Dr. Wedels Zettelkasten
Zwar präsentiert das ZDF Werke des Starregisseurs immer noch mit viel Pomp auf Ganztagesveranstaltungen in den Hamburger Kammerspielen. Aber die Zeiten, da ein "neuer Wedel" allenthalben für Aufregung sorgte, per se als Fernsehereignis galt und regelrechte Straßenfeger-Qualitäten entwickelte, sind lange her.
Es waren die mittleren neunziger Jahre, in denen sich der Autor und Regisseur mit milieuechten Mehrteilern wie "Der große Bellheim" (93) und "Der Schattenmann" (96) jenen Ruhm erwarb, von dem er noch immer zehrt. Seit der aufgeblasenen Sat-1-Saga "Der König von St. Pauli" (1998), für die er sich stellenweise dreist bei Coppolas "Der Pate" bediente, ist der Ruf jedoch ein wenig ramponiert. Auch die fürs ZDF gedrehte sechsteilige "Affäre Semmeling" blieb 2002 hinter den Erwartungen zurück. Und im vergangenen Jahr, bei der unspektakulären Scheidungsdramödie "Papa und Mama", kam er schon mit zwei Teilen aus. Nun hat er sich auf einen 90-Minüter beschränkt.
"Mein alter Freund Fritz" heißt das Stück, das heute schlicht als "Fernsehfilm der Woche" präsentiert wird. Die Bescheidenheit ist angebracht: Der Film erzählt die Geschichte eines Krankenhaus-Arztes, der bei einem Autounfall knapp am Tod vorbeischrammt und von da an einen Begleiter aus dem Jenseits an der Seite hat jenen verstorbenen Freund Fritz, der natürlich nur von ihm wahrgenommen wird. Weil das "Mein Freund Harvey"-Motiv nicht ernsthaft über anderthalb Stunden trägt, bemüht sich Wedel einerseits permanent um Augenzwinkern. Andererseits verknüpft er die Geister-Groteske mit einem eben doch ernst gemeinten Plot über die Arbeitsbedingungen am Krankenhaus, zieht gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens zu Felde und lässt den anfangs arroganten Gott in Weiß eine Läuterung erfahren.
Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod
Das Ergebnis dieses Spagats ist das Fehlen einer einheitlichen Tonart umso mehr, als Wedel die Handlung mit zahllosen mehr oder weniger schmissigen Sinnsprüchen aufschäumt, die wirken, als habe er den eigenen Zettelkasten nach verwertbaren Zitaten durchforstet.
"Ob eine schwarze Katze Unglück bringt, hängt allein davon ab, ob Sie n Mensch sind oder ne Maus", verkündet also Starchirurg Harry Seidel (Ulrich Tukur), auf dass wir ihn als schmissigen Realisten kennen lernen. Und legt im Gespräch mit einer allzu emotionalen Assistenzärztin nach: "Ich habe bestimmt 20.000 Menschen aufgeschnitten, aber so was wie ne Seele hab ich nie gefunden." Zwar ist der Professor von Beginn an auf der guten Seite angesiedelt ("Ein Krankenhaus kann man so wenig nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten führen wie die Feuerwehr"), hat sich aber doch mit dem intriganten Verwaltungsdirektor (Uwe Bohm) arrangiert, fertigt Patienten im Eiltempo ab und schielt auf eine Beförderung.
Für eine Wandlung sorgt erst nach einer knappen halben Stunde Filmzeit der Autounfall: Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod erscheint Harry sein vor 21 Jahren verstorbener Freund Fritz (Maximilian Brückner), reicht ihm die Hand und schlüpft ins Diesseits wo er als mahnender Geist nicht mehr von Harrys Seite weicht.
Der Geist im Schlafzimmer
Herrscht bei dem Heimgesuchten anfangs noch Missachtung vor ("Es gibt keine Geister. Ich lehne es ab, an ein Jenseits zu glauben, in dem ausgerechnet Deutsch gesprochen wird"), so fängt er nach Phasen der Verzweiflung und des Trotzes an, die Kommentare seines Begleiters zu beherzigen: Während die Kollegen ihn wegen seiner fortgesetzten Selbstgespräche allmählich für gestört halten, nimmt er sich Zeit für die Patienten, schenkt ihnen eigenwillig Zuspruch ("Denken Sie doch mal daran, wie lange Sie tot waren, ehe Sie geboren wurden, ohne dass es Ihnen gesundheitlich geschadet hätte"). Und noch einen positiven Nebeneffekt hat Fritz: Wiewohl als ungebetener Gast in Harrys Schlafzimmer zunächst nicht gerade libidofördernd, treibt er den Verunsicherten dann doch zurück in die Arme seiner Gattin Lydia (Veronica Ferres), die er zuvor betrog und anherrschte.
Die Darsteller erledigen ihre Jobs allesamt sehr ordentlich: Tukur als Karrierist mit Herz, Ferres als sein leicht frustriertes Luxusweib, Uwe Bohm als fieser Funktionär und der frisch gebackene "Tatort"-Ermittler Maximilian Brückner als juveniler Geist das passt schon. Silke Bodenbender und Valerie Niehaus dürfen sich in Kleinstrollen kurz bekleckern, während sich Wedel selbst einen Hitchcock-artigen Kurzauftritt als Arzt genehmigt und geradezu demonstrativ Detailverliebtheit zelebriert: Wenn hier aus Hessen telefoniert wird ja, dann wird bitteschön auch Dialekt gebabbelt!
Nur wie er den Geist, den er rief, wieder loswerden soll, das scheint er nicht so recht zu wissen. Es werden dann verschiedene Erklärungsansätze durchgespielt (Muss Harry Seidel alte Schuld abtragen? Führen wir nicht alle mal Selbstgespräche?) bis ein simpler Wiedergeburts-Dreh die Lösung bietet. Das Schlusswort indes gehört dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, der als er selbst einen Erweiterungsbau der Klinik einweiht.
Dass solche Cameo-Auftritte nicht die Authentizität eines Films beglaubigen, sondern seine Aura vollends zerstören das wäre eine weitere "Weniger ist mehr"-Lektion, die Dieter Wedel noch beherzigen könnte.
"Mein alter Freund Fritz", Montag, 26. Februar, 20.15 Uhr, ZDF.