TV-Legende Chuck Barris: Der Killer-Clown - DER SPIEGEL
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TV-Legende Chuck Barris Der Killer-Clown

Chuck Barris, reales Vorbild für die Kino-Farce "Geständnisse - Confessions Of A Dangerous Mind", ist die wohl schillerndste Figur der amerikanischen Medien-Geschichte. Der Erfinder und Moderator revolutionärer TV-Shows wie "Die Gong-Show" oder "Herzblatt" behauptet bis heute, nebenbei Auftragsmörder für die CIA gewesen zu sein.
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"Ich möchte", sagt Chuck Barris, "dass Sie sich unterhalten fühlen. Sonst nichts."

Das ist ihm gelungen. Barris erfand die Schadenfreude als Fernsehformat. Er ließ sein Publikum darüber kichern, wie eine junge Frau hinter einem Schirm den attraktivsten dreier Junggesellen für ein Rendezvous auszuwählen versuchte, er jagte unterdurchschnittlich begabte Menschen mit überdurchschnittlicher Darstellungslust mit einem gigantischen Gong von der Bühne, er ließ Ehefrau und Sekretärin seiner Kandidaten in der pikanten Frage gegeneinander antreten: Wer kennt ihn besser?

So wurde er in den sechziger und siebziger Jahren zum erfolgreichsten Showproduzenten Amerikas - und zum bestgehassten TV-Moderator der Nation. Als sich schließlich über ihn selbst die Häme der Kritik ergoss, schloss er sich tief gekränkt zweieinhalb Jahre in einem New Yorker Hotelzimmer ein und verfasste eine "unautorisierte Autobiographie", in der er behauptete, hinter den Showkulissen als Auftragskiller der CIA gearbeitet zu haben. Das Fernsehvolk unterhielt sich prächtig. Auf die Frage, wie viel von seiner Geschichte auf Fakten beruht, sagt Barris heute: "Das sage ich Ihnen nicht. Ich habe das noch niemandem verraten, nicht einmal meiner Frau." Zumindest erging er sich ausgiebig in dunkel-dramatischen Andeutungen: Würde er sich dazu äußern, sagte er einmal, wäre das, als unterschriebe er sein eigenes Todesurteil. Chuck Barris, ein armer Irrer oder ein Meister der Sebstinszenierung?

Auf jeden Fall ein Stoff wie geschaffen für Drehbuchautor Charlie Kaufman, der schon in "Being John Malkovich" durch die Psyche eines von Selbsthass zerfressenen Losers streifte. Er adaptierte Barris' Bekenntnisse "Confessions Of A Dangerous Mind" fürs Kino, Hollywood-Beau George Clooney führte Regie. Barris sagt über den Film: "Sie haben ein bisschen was verändert. Aber die Prämisse stimmt. Da ist ein Typ - ich - der öffentlich für seine Versuche gekreuzigt wird, das Fernsehpublikum zu unterhalten, während man mir heimlich Auszeichnungen des Präsidenten dafür verleiht, dass ich Menschen umbringe. Auch, wenn diese Leute Feinde der USA waren. Dieses Paradox hat mich verrückt gemacht."

Verrückt gemacht hat ihn wohl eher der Mangel an Respekt, der ihm für seine ebenso verzweifelten wie unbeholfenen Versuche gezollt wurde, ein Star zu werden. Ein wenig schwebt Chuck Barris, heute 73, deshalb zurzeit im siebten Himmel. Mit der Verfilmung seiner dubiosen "Autobiographie" ist der "King of Schlock", der Trash-König des US-Fernsehens, der bereits in der Versenkung verschwunden war, wieder obenauf.

Der Lebensweg von Chuck Barris ist eine schillernde Tragikomödie, deren Höhepunkte die Tiefpunkte sind. Später fasste er das einmal so zusammen: "Wenn man im kreativen Geschäft unterwegs ist, wird man verletzt. Und kreative Enttäuschungen sind härter als alle anderen. Aber wenn man diese Schläge vermeiden will, kann das Leben ziemlich öde werden. Ich glaube, ich mache lieber weiter so."

Als Sohn eines Zahnarztes 1929 in Philadelphia geboren, versuchte sich Barris seine Brötchen unter anderem mit dem Verkauf von Telepromptern, als Buchhändler und als Boxpromoter zu verdienen - weitgehend erfolglos, wie er selbst behauptet. Als er Lyn Levy, Tochter eines CBS-Mitbegründers heiratete, wurde die von ihren Eltern prompt enterbt. Mit Hilfe gefälschter Empfehlungsschreiben ergaunerte er erste Fernsehjobs und schrieb sogar einen Pop-Hit (Freddie Cannons "Palisades Park"), bevor er 1965 nach mehreren erfolglosen Versuchen eine TV-Show an ABC verkaufte: "The Dating Game".

Der Vorläufer von international erfolgreichen Formaten wie "Herzblatt" war in vielerlei Hinsicht revolutionär: Statt um schlichte Quizfragen ging es hier um Zwischenmenschliches - zum gleichzeitigen Vergnügen und Entsetzen der Zuschauer bisweilen ganz schön anzüglich. Eine Kostprobe:


Bachelorette: Bachelor No. 1, I play the trombone. If I blew you, what would you sound like?


oder:


Bachelorette: Bachelor No. 3, make up a poem for me.
Bachelor No. 3: Dollar for dollar and ounce for ounce, I'll give you pleasure 'cause I'm big where it counts.


"The Dating Game" wurde ein Sensationserfolg, aber die Kritiker hassten die Show leidenschaftlich. Chuck Barris sagt bitter: "Die 'Chicago Tribune' schrieb zur Premiere: 'Daytime Television Hits All-Time Low'. Wieso? Ein hübsches Mädchen, das drei unterschiedlich attraktiven Jungs ein paar Fragen stellt, um einen von ihnen für ein Rendezvous auszuwählen - ich kann nicht verstehen, wie das angeblich den zivilisatorischen Standard des Fernsehens unter Null senkt."

Es kam noch gröber. 1976, mittlerweile ein Imperium namens "Barris Industries" unter sich, brachte der TV-Berserker die "Gong Show" auf die Bühne - "eine Persiflage auf Talentwettbewerbe", wie er selbst sagt. Eine Gruppe von Richtern ertrug die Darbietung der "Talente" so lange, bis einer zum Gong griff und - zur überschwänglichen Freude des Publikums - dem Trauerspiel ein Ende bereitete. Auch diese Show sparte nicht mit Anzüglichkeiten. Aber schriller als alles andere war ihr Moderator: Chuck Barris höchstpersönlich. "Der Mann, der die Show ursprünglich moderieren sollte, kapierte das Konzept nicht", erzählt Barris. "Er nahm die Sache zu ernst. Da sagte der ABC-Vizepräsident zu mir: Wir haben nicht genug Zeit, eine neuen Moderator zu suchen. Mach du das - sonst streiche ich die Show. Nun - das Schlimmste, was passieren kann, ist wenn man die Chance verpasst, auf Sendung zu gehen. Also hab ich's gemacht." Die Kritiker jaulten gequält auf.

Barris sagt heute: "Es war eine tolle Show, und ich war ein so schlechter Moderator, dass ich nahtlos ins Konzept passte. Ich neben den ganzen schlechten Kandidaten, das war wunderbar!" Inmitten von so viel Trash drehte Barris mit exaltierten Gezappel und pausenlosem Händeklatschen richtig auf. Er habe seine eigenen Auftritte immer irgendwie peinlich gefunden, sagt Barris. "Aber ich konnte mir nicht helfen, es machte einfach zu viel Spaß."

Barris' Shows, in denen heutige Stars wie Tom Selleck oder David Letterman ihre ersten Auftritte hatten, waren immer gut für einen Skandal. Ein Jurymitglied der "Gong Show" wurde für die Entblößung ihrer Brüste gefeuert. Bei der Aufzeichnung einer Folge der Barris-Show "The Game Show King" erlitt eine Kandidatin einen Kreislaufkollaps, die der Moderator zuvor auf brutalste Weise nervös gemacht hatte, um die Spannung zu steigern. Barris selbst soll einmal gesagt haben: "Die ultimative Gameshow wäre eine, in der der Verlierer stirbt." Tragisch war, dass der zynische Clown bisweilen eine sensible Seele besaß. "Seit 'The Dating Game' auf Sendung gegangen war, hatten die Kritiker nicht mehr aufgehört, mich zu verprügeln", sagt Barris. "Irgendwann fraß mich das an." Einmal, erzählt er, habe an einer Ampel ein Auto neben seinem gehalten und die Fahrerin habe aus dem Fenster gerufen: "Sie sind das idiotischste Wesen, das je über diese Erde gewandelt ist! Ihr Show stinkt zum Himmel!" Solche Erlebnisse, erklärt er, hätten ihn manchmal tagelang deprimiert.

Irgendwann Ende der Siebziger verließen ihn Glück und Ideen. Seine Shows begannen zu dümpeln und wurden schließlich eingestellt. Barris produzierte noch einen Film, "The Gong Show Movie", der sich nicht mal über das Startwochenende hinweg in den Kinos hielt. Er verkaufte sein Imperium für geschätzte 100 Millionen Dollar, und schrieb schließlich seine von Selbsthass und Gewalt geprägte Abrechnung.

Als auch das Buch floppte ("Ich fand es ausgesprochen witzig, aber am Ende hatte ich jahrelang kistenweise Exemplare in meinem Keller herumstehen"), setzte sich Barris nach Frankreich ab und lebte zehn Jahre in St. Tropez. Erst vor wenigen Jahren kehrte er in die USA zurück - mit einer gescheiterten Ehe im Rücken, dem Drogentod seiner Tochter Della vor Augen, und einer Krebsdiagnose in der Tasche. Es sah aus, als hätte nun für ihn selbst der Gong geschlagen, der ihn von der Bühne fegen sollte. Letztlich war es nicht der Krebs, sondern eine Streptokokken-Infektion, die er sich während der Chemo-Therapie im Krankenhaus zuzog, die Barris fast das Leben kostete. "Bad grass never dies", Unkraut vergeht nicht, sagte der behandelnde Arzt, als er ihn entließ. So heißt nun auch das neue Buch, an dem Chuck Barris zurzeit schreibt. Er ist neu verheiratet mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau und steht wieder im Rampenlicht. Und niemand ist sich mehr sicher, wie viel seiner schillernden Lebensgeschichte bloße Inszenierung ist.

Diese Show ist ihm also in jedem Fall gelungen. So gut, dass sich sogar die CIA kürzlich zu dem Kommentar hinreißen ließ: "Normalerweise kommentieren wir nicht, wer für uns arbeitet und wer nicht. In diesem Fall machen wir eine Ausnahme: Chuck Barris tut es nicht."