TV-Moderatoren Wer ist Millionär?
Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich einen Vorschlag machen, wie man das Fernsehen aufregender, ehrlicher und vor allem transparenter machen könnte. Fast alle Zeitungen haben inzwischen ihre "Medien"-Seite, auf der die Programme analysiert, rezensiert und seziert werden. Es gibt Pre-Views und Re-Views, Interviews mit den Programm-Machern, Porträts der Helden von gestern (Wolfgang Lippert) und der Superstars von morgen (Barbara Schöneberger); wir wissen inzwischen alles über das Leben von Dieter Bohlen und erfahren auch eine Menge über die Ökonomie des Fernsehens: Was ein Werbespot zur besten Zeit auf RTL kostet, warum Springer aus dem TV-Geschäft aussteigen will und wie viel die ARD für die Berichterstattung über die Bundesliga zahlen muss.
Es sind zumeist Informationen, mit denen wir wenig anfangen können. Der Fußballfan will wissen, wie Schalke gegen Hertha gespielt hat. Ob die "Lizenz" 3000 oder 300.000 Euro gekostet hat, ist ihm wurscht. So wurscht wie die Auseinandersetzung zwischen Kirch und Springer oder die Frage, wer das "Philosophische Quartett" im ZDF moderieren darf, Peter Sloterdijk mit Rüdiger Safranski oder Wolfgang Petry mit Jürgen Drews.
Viel interessanter und spannender als die Ökonomie des Fernsehens wäre die Ökonomie der Fernsehmacher. Wir wissen, wie viel der Bundeskanzler verdient (18.000 Euro monatlich), und wir wissen, wie viel Ron Sommer bei der Telekom verdient hat (1,8 Millionen Euro jährlich), aber wir wissen nicht, wie viel Günter Jauch einnimmt, der Mann, dessen größte Sorge dem Bestand des tropischen Regenwaldes gilt. Als es die D-Mark noch gab, sollen es, alles in allem, über 20 Millionen Mark jährlich gewesen sein. Nun gönne ich jedem, wirklich jedem, seinen Bugatti als Zweitwagen, sein Wochenendhaus in Florida und sein Segelboot in Cannes. Ich möchte nur wissen, was der Gesellschaft, die sich regelmäßig darüber aufregt, dass Ärzte zu viel verdienen, andere Leistungen wert sind.
Erinnern wir uns an Margarethe Schreinemakers, die Weltschmerz-Königin des deutschen Fernsehens. Sie ist schon lange nicht mehr im Fernsehen beschäftigt, bleibt aber ewig unvergessen. Niemand hat sich so lustvoll im Elend anderer Leute gesuhlt wie sie. Ob es Opfer sexueller Gewalt oder nicht therapierbare Täter waren, Körperbehinderte oder Langzeit-Obdachlose, Margarete zerrte sie alle vor die Kamera und litt mit ihren Gästen, als käme sie selbst gerade vom Sozialamt, wo ihr Antrag auf Stütze abgelehnt wurde. Sie moderierte, ihr Mann produzierte die Sendung, und so blieb einiges in der Familienkasse hängen. Um die mühsam erlittenen Millionen vor dem Zugriff des Finanzamtes zu retten, zog sie sogar ins Exil nach Belgien, wo sie seitdem residiert wie einst Wilhelm II in Doorn.
Margarethe Schreinemakers wurde so zum Vorbild für Moderatoren und Moderatorinnen, die sich darauf spezialisiert haben, menschliches Elend als Unterhaltung zu formatieren. Von morgens um 11 (bei Franklin) bis nachmittags um 16 Uhr (bei Fliege) menschelt es auf allen Kanälen, werden Schicksale ausgebreitet, Abgründe ausgeleuchtet. Vera Int-Veen, Angelika Kallwass, Arabella Kiesbauer, Richter Alexander Hold und all die anderen Sub-Unternehmer mit eigenen Ständen im Jammertal des Elends, alle wollen das gleiche: helfen, helfen und noch mal helfen, Verständnis füreinander herstellen und Konflikte lösen.
Inzwischen hat jeder Junkie und jedes in seiner Kindheit missbrauchte Mädchen seine Geschichte erzählt, aber zahllose Casting-Agenturen sorgen für nicht enden wollenden Nachschub: Frauen, denen die Ärzte die Brüste verpfuscht haben, Männer, die bei einer missglückten Penis-Verlängerung impotent wurden. Am Abend, wenn das Niveau steigt, geht es um minderjährige Prostituierte in Tschechien, Straßenkinder in Rumänien und die Hungersnot im südlichen Afrika. Das ist die Stunde der vielen ehrenamtlichen "Botschafter", die zwischen Afrika und Europa hin- und herfahren, um Geld für "Projekte" zu sammeln, sie sitzen dann bei Bio oder bei Jauch oder in einer der vielen Charity-Galas und erzählen mit strahlenden Augen, wie es ihr Leben bereichert hat, den Ärmsten der Armen ein wenig geholfen zu haben.
So ist das Leben: Die einen darben im Busch und die anderen profilieren sich auf deren Kosten als praktizierende Gutmenschen. So eine Situation könnte freilich der Moment der Wahrheit sein. Hat Dirk Bach die große Unicef-Gala im ZDF ("Lachen tut gut") etwa honorarfrei moderiert? Hat Thomas Gottschalk bei der großen Spenden-Gala "Ein Herz für Kinder" auf sein Honorar verzichtet? Ist Verona Feldbusch auf eigene Kosten zum "RTL-Spendenmarathon für Not leidende Kinder" angereist? Wäre es nicht angebracht, sowohl die Summe der Spenden als auch die Höhe der Honorare anzuzeigen?
Man könnte das Verfahren auch ausweiten. Wenn die Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen über die Not in der Dritten Welt erzählt, würde es die Zuschauer sicher trösten zu erfahren, dass es ihr persönlich an nichts mangelt. Ein kleiner Hinweis ("Frau Christiansen bekommt pro Sendung soundsoviel Euro...") wäre da sehr hilfreich. Und wenn die Richterin Barbara Salesch an ihrem Tisch Platz nimmt, um vorzuführen, wie es in einem Gerichtssaal nicht zugeht, könnte ein kurzer Disclaimer Klarheit über die Umstände schaffen: "Frau Salesch ist gelernte Juristin. Sie war über 20 Jahre in der Justiz tätig. Seit 3 Jahren arbeitet sie als Fernseh-Richterin. Sie wird endlich ordentlich bezahlt und muss nicht mehr in der Gerichtskantine essen. Die von ihr verhandelten Fälle haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun."
So viel Transparenz täte dem Fernsehen gut. Es würde an Glaubwürdigkeit gewinnen und die Zuschauer hätten auch was davon: die tröstliche Gewissheit, dass nur die Dummen an einem Quiz teilnehmen, um mit Hilfe des Fernsehens Millionär zu werden.