TV-Nachrichten: Permanentes Wetterchaos - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

TV-Nachrichten Permanentes Wetterchaos

Seit Montag darf der ewige ZDF-Nachwuchsstar Steffen Seibert die "heute"-Nachrichten um 19 Uhr moderieren. Ein Glücksgriff, denn das Kommunikationstalent unterscheidet souverän und seriös zwischen harten News und bloßer Stimmungsmache - beileibe keine Selbstverständlichkeit im deutschen Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder - und doch gilt er immer noch als das ewige Nachwuchstalent des deutschen Fernsehjournalismus. Wenn er vor die Kamera tritt, wirkt er stets so, als sei er gerade der Badewanne Marke Jungbrunnen entstiegen, frisch eingecremt, perfekt rasiert und abgepudert. So hat er uns durch viele TV-Wahlabende geführt und am 11. September 2001 sechs Stunden lang durch den Informationswirrwarr der Mega-Katastrophe; so hat er das ZDF-"Morgenmagazin" moderiert, die Boulevard-Sendung "Hallo Deutschland" und unzählige "Spezial"-Sendungen zu aktuellen Ereignissen. Zuletzt präsentierte er die "ZDF.reporter", die Turbo-Version von "auslandsjournal" und "Kennzeichen D" seligen Angedenkens.

Seit gestern Abend sitzt Steffen Seibert Punkt 19 Uhr im "heute"-Nachrichtenstudio auf dem Mainzer Lerchenberg und informiert über die Weltlage. Und wieder keine Überraschung: Er macht es souverän und glaubwürdig, seriös und locker zugleich. So frisch und ungezwungen wurden die rund fünf Millionen Zuschauer wohl selten mit steigender Neuverschuldung und wachsender Kriegsgefahr, päpstlichem Pazifismus und bösem Winterchaos auf deutschen Straßen bekannt gemacht. Auffallend war, dass Seiberts Moderationstexte und Überleitungen viel "magaziniger" waren als bisher üblich, die Fakten eher erklärend als bloß übermittelnd. Manchmal begann er ein neues Thema gar mit einer Frage. Undenkbar in der "Tagesschau". Soll hier etwa Neuland betreten werden im gehobenen Nachrichtenwesen des ZDF?

Dass Seibert ein Kommunikationstalent ersten Ranges ist, zeigte sich verlässlich immer schon in jenen Augenblicken akuter Unübersichtlichkeit, die die ordnende Hand verlangen. Mitten durch konfuse Hochrechnungen oder sich in wilder Spekulation aufwallende Ereignisse schlägt er Schneisen der Orientierung, in denen auch die Prioritätensetzung klar erkennbar ist: Was ist wichtig, was nicht, was ist Tatsache, was nur Stimmungsmache und Gerücht? Wahrlich keine Selbstverständlichkeit im deutschen Fernsehen.

Ein Erdrutsch lässt sich immer irgendwie auftreiben

Wie wichtig diese Unterscheidungsfähigkeit ist und der Wille, sie auch einzusetzen, zeigen tagtäglich die Hauptnachrichtensendungen von Sat.1 und RTL. Selbst wichtigste politische News werden, vor allem bei "18.30" auf Sat.1, in einen lächerlich kurzen Info-Block geklemmt, nachdem minutenlang Bilder vom "Wetterchaos" in aller Welt gezeigt wurden. "Wetterchaos" ist eigentlich immer bei "18.30" und ergo der häufigste Aufmacher mit den schönsten Bildern. Ein Tornado in Florida oder ein Erdrutsch in Kolumbien lässt sich immer irgendwie auftreiben, wenn an der Elbe nichts los ist.

Und wenn der sprichwörtliche Reissack in China einmal nicht umgefallen ist, dann finden sich notfalls Bilder vom Berliner Alexanderplatz, wo im Winterhalbjahr frierende Würstchenverkäufer zum "Kältechaos in Deutschland" befragt werden ("Dit is arschkalt hier, wa?!") und im Sommerhalbjahr nabelfreie Girlies mit dicker Eistüte zum "Hitzechaos in Deutschland" (Mensch, is dit heiß hier, ick spring' gleich in' Brunnen!"). Der Rest ist Stoiber, Stoiber, Stoiber und die populistische "Steuerwut" auf Rot-Grün, die vor Ostern und im Advent zur "Benzinwut" umgedichtet wird.

Das Beste an "18.30" ist Anchorwoman Astrid Frohloff, derzeit in Babypause. Auch Peter Kloeppel, Anchor von "RTL aktuell" um 18.45 Uhr, repräsentiert eine Art Anker von Seriosität inmitten des Infotainment-Teppichs, der allerdings ähnlich grob geknüpft ist wie bei der Boulevard-Konkurrenz von Sat.1. Nicht selten rangieren Schumi, Hanni, Verona, Boris & Bohlen ganz vorne auf der Prioritätenliste: Wenn RTL das traditionelle Neujahrs-Skispringen überträgt, wird eben auch die Bänderdehnung in der Unterhose von Sven Hannawald zu einer Topmeldung des Tages.

Auch bei ARD und ZDF ist der Trend zu Eigen-PR und Infotainisierung unverkennbar. Auch hier rückt das offenbar permanente "Wetterchaos" immer mehr in den Vordergrund. Bei Steffen Seibert jedoch kam es gestern Abend erst an vierter Stelle, also immerhin hinter der über Krieg und Frieden entscheidenden Frage, ob der Irak tatsächlich Massenvernichtungswaffen besitzt. Dass Seibert seine Moderationstexte selbst schreibt, glaubt man gerne (gegengelesen und redigiert werden sie sowieso), aber eine Frage bleibt nach seinem gelungenen ersten Auftritt: Ist seine fast magazinartige Vermittlung der aktuellen Nachrichten, die schon einiges an Interpretation enthält, nicht vielleicht doch ein Tick zu viel an pädagogischer Zuschauerbetreuung? Nur eine bescheidene Frage. Wir werden ja sehen.