TV-Serie "Kidnapped" Poltern mit Foltern
Das Entführungsdrama ist schon fast ein eigenes Genre. Es ist dramaturgisch reizvoll, weil man die Perspektive verdoppeln kann: Hier die Kidnapper und ihr Opfer, dort die Angehörigen des Entführten und die Ermittler. Die guten Filme zum Thema, "Ransom" (1996) und "The Clearing" (2004) etwa, machten die Ambivalenz in beiden Lagern deutlich, waren dialektische Studien zu Gewalt und Nähe, Verbrechen und Intimität.
Denn die Entführten kommen ihren Peinigern erheblich nahe, das ist auch in der heute auf Sat.1 startenden Serie "Kidnapped" so. Leopold Cain (Will Denton) wird trotz Bodyguard verschleppt und außer Landes gebracht; seine Eltern, das Milliardärsehepaar Conrad und Ellie Cain (Timothy Hutton, Dana Delany) engagieren den ehemaligen FBI-Agenten Knapp ("Six Feet Under"-Star Jeremy Sisto).
Zwischen Terror und Trauma
Hinzu kommt der Geheimdienst selbst, in Gestalt des Ermittlers Latimer King (Delroy Lindo) und seiner Kollegen. Auf Täterseite hat man es mit diversen Handlangern zu tun, vor allem Otto (Otto Sanchez) und Bellows (Robert John Burke), die den Jungen in Mexiko bewachen und letztlich eine sehr verschiedene Berufsauffassung haben.
So kann Leopold den eigentlich gutherzigen Otto für sich gewinnen, während Bellows den zornigen Yankee gibt, der nur ans Geld und Morden denkt. Diese Moral-versus-Moneten-Idee strukturiert die ganze Serie; sie ist die ideologische Spur, der die Figuren folgen, wobei sich die moralische Agenda über die einzelnen Hierarchie-Ebenen bei Kidnappern und Verfolgern recht unterschiedlich gestaltet.
Die radikalste Form der Moralität ist immer auch eine Art Extremismus, deshalb sind Leopolds unbekannte Entführer letztlich Terroristen: Sie vereiteln Geldübergaben, jagen Millionen Dollar in die Luft, sind immun gegen die Verlockungen des Mammon. Ihre Verfolger berechnen ihre Interessen nach einer anderen Währung: Dem Kidnapper-Jäger Knapp geht es um die Aufarbeitung eines alten Traumas; er ist immer auch sein eigener Fall. Agent King will die Unschuld eines Verwandten beweisen (eben jener Bodyguard, der in die Entführung verwickelt ist).
Auf die Folter gespannt
Das alles ist elegant und zeitgemäß gefilmt, es gibt eine Art Countdown-Mechanik, derzufolge der Entführte binnen weniger Tage ermordet werden soll. Das treibt die Spannung hoch und lässt darüber hinwegsehen, dass in jeder Folge aufdringlich mit dem War-on-Terror-Folter-Menschenrechts-Zaunpfahl gewedelt wird. "Ich bring' dich an einen Ort, dagegen wirkt Guantanamo wie ein Freizeitpark", droht ein Ermittler einmal, und dem Zuschauer wird mal wieder klar: Die Medienbranche hat die sozialen und kulturellen Flurschäden, die der Krieg gegen den Terror angerichtet hat, fest im Blick.
Die realen politischen Verhältnisse sind übrigens ja auch nach wie vor heikel: Erst vor kurzem hat das US-Justizministerium die Anti-Folter-Konvention der Uno ausgehebelt; so genannte harte Verhörmethoden sind nach wie vor erlaubt.
Das Folterthema wurde bereits von der Thrillerserie "24" exzessiv durchgespielt, da ließ Agent Jack Bauer die Stromkabel schmoren, dass es buchstäblich krachte. Auch in "Kidnapped" wird auf beiden Seiten professionell gequält, und wie in "24" setzt sich auch hier die grenzfaschistische Tendenz durch, dass Sadismus eben nicht gleich Sadismus ist und der Zweck die Mittel heiligt.
Entführt ins Netz
Und wenn man schon beim Terror ist, mögen sich die Macher der Serie womöglich gedacht haben, kann auch gleich noch die extraordinary rendition als Motiv in die Story eingespeist werden, die außerordentliche Überstellung von Gefangenen an Drittländer mit Folterpraxis. Leopolds Quartier ist die popkulturelle Fassung des outgesourcten Folterknasts Marke Syrien oder Ägypten; Knapp und seine Helfer entführen ihrerseits Leute der Gegenseite und unterziehen sie "verbesserten Verhörmethoden".
Zwischen Psychotherapie, Kulturkritik und politischer Mahnwache schlingert "Kidnapped" also hin und her, verliert dabei mal die eine, mal die andere Figur aus dem Blick und zaubert am Ende einen Deus ex Machina herbei, dessen Motive, nun, sagen wir, irgendwie sozialdiagnostischer, aber vor allem sehr persönlicher Art sind - verglichen mit der Agenda, die dem Zuschauer bis dahin verkauft wurde.
Die grausame Intimität, die Entführungsopfern oft aufgezwungen wird, die komplexe Perfidie, die das Kidnapping-Szenario grundsätzlich bestimmt, all das hat die zehnteilige Serie da schon längst aus dem Blick verloren. Es ist deshalb kein Wunder, dass der amerikanische Sender die Reihe fünf Folgen nach dem US-Start entführte: vom Fernsehen ins Internet. Dort fand sie nach nur einer Staffel ihr unrühmliches Ende.
"Kidnapped", Sat.1, Folge 1 und 2 Donnerstag, 31. Juli, 20.15 Uhr, dann immer donnerstags, 23.10 Uhr