TV-Serie "Prison Break": Wenn Hektik ausbricht - DER SPIEGEL
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TV-Serie "Prison Break" Wenn Hektik ausbricht

So spannend, dass ein Fluchtversuch vom Fernseher unmöglich wird: Die heute startende US-Serie "Prison Break" erzählt von einem spektakulären Gefängnisausbruch. Die Story ist irre, die Logik dubios, das Tempo extrem - perfektes Entertainment eben.
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Ein Agent jagt 24 Stunden lang Terroristen, isst nicht, schläft nicht, Pinkeln ist schon gar kein Thema. Er wird von Gangstern gefoltert und von Geheimdiensten verfolgt. Er verliert seine Frau und Dutzende seiner Kollegen, vereitelt aber dennoch mehr oder weniger im Alleingang Giftgas- und Bombenattentate.



Eine Gruppe zivilisationsverwöhnter Reisender kämpft nach einem Flugzeugabsturz auf einer Ozean-Insel ums Überleben. Das Eiland entpuppt sich als phantastische Zone, die Robinsons verstricken sich in Traumszenarien und metaphysische Erlösungsprojekte, als Gegner treten sowohl mythische Monster als auch mysteriöse Menschenjäger an. Das Ganze wird erzählerisch verschachtelt mit aufwendigen Flashback-Sequenzen.

Auf dem Zeitsprung

Klingt alles ziemlich irre, und genau das ist es auch: irre spannend und mit virtuosem Gespür für Rhythmus und Tempo komponiert. Der Terroristenjäger Jack Bauer aus "24" ist die Ikone der neueren Serienunterhaltung, die Insel-Abenteurer aus "Lost" werden als Kultfiguren gefeiert.

Beide Serien nehmen es mit der Logik nicht allzu genau - dafür exekutieren sie zwanghaft einen bestimmten dramaturgischen Kniff (Countdown-Stress, Flashback-Dynamik). Function follows form gilt für diese Formate; ihr Geheimnis ist nicht Realismus, sondern Formalismus - gepaart mit einem sexy Look.

Beim Sender Fox, der auch "24" auf die Serienjunkies losgelassen hat, geht diese Rechnung nun noch einmal auf: Die Gefängnisserie "Prison Break" ist ein Fluchtspektakel mit Turbo, die sich relativ wenig um Logik schert, dafür um so mehr um Mechanik und Ästhetik. Von "24" hat man die Countdown-Dramaturgie geklaut, von "Lost" den Hang zu Figuren, die zugleich cool, bedrohlich und anziehend sind.

Im Zentrum steht der charismatische Architekt Michael Scofield (Wentworth Miller), dessen Bruder unschuldig in der Todeszelle sitzt. Zwei Wochen noch, dann soll Lincoln Burrows (Dominic Purcell) hingerichtet werden, zu wenig Zeit also, um juristisch vorzugehen. Deshalb begeht Scofield einen Bankraub, um selber in den Knast zu kommen. Dort rekrutiert er eine Truppe Krimineller, die ihm beim Ausbruch helfen sollen. Den Plan hierfür hat er sich als Tatoo auf den Körper zeichnen lassen; unser Held arbeitete sinnigerweise ausgerechnet für jene Firma, die auch das Fox River State Penitentiary konstruierte.

Der Knast beherbergt die üblichen Verdächtigen: finstere Wärter und gewaltbereite Knackis, hier folgt die Serie den vielen Vorbildern des Gefängnisfilms von "Flucht aus Alcatraz" bis "Shawshank Redemption". Anders als bei der hoch gelobten Serie "Oz", in der sich die verschiedenen Ethnien erbitterte Verteilungs- und Glaubenskämpfe liefern, verfolgt "Prison Break" jedoch nur eine Agenda: maximalen Thrill.

Thrill statt Logik

Ideologische Programme haben die Mitstreiter des Ausbruchs-Masterminds nämlich nicht: der sadistischen T-Bag (Robert Knepper), der wegen Mordes, Entführung und Vergewaltigung lebenslänglich einsitzt; der von Liebeskummer zerfressene Latino Sucre (Amaury Nolasco), der Mafiaboss Abruzzi (Peter Stormare) - sie werden nicht wie sonst oft üblich im Gefängnisdrama von einem Ideal, sondern nur von Egoismus zur Gruppe geschmiedet. Deshalb kämpft Scofield letztlich gegen zwei Gegner: den Eigensinn seiner Helfer und den Unsinn eines Systems, das trotz brüchiger Beweislage einen Unschuldigen ans Messer liefert.

Das korrupte Justizsystem ist dennoch nur ein Nebenthema, mit Systemkritik hält man sich zurück. Dass der fiktive Handlungsort und das produzierende Studio den Namen teilen, macht deutlich, dass es hier nicht um die Abbildung von Realität, sondern um die Präsentation eines perfekt gestalteten Erzählraums geht. "Prison Break" verweist nicht auf die Wirklichkeit amerikanischer Gefängnisse (die mittlerweile zu zehn Prozent in privater Hand sind), sondern ist ein selbstreflexives Spiel mit Genre-Motiven.

Deshalb können T-Bag und Abruzzi Karikaturen sein und Scofield ein übermenschliches Superhirn. Sein Stoizismus geht weit über eine realistische Figurenpsychologie hinaus, seine Intelligenz grenzt ans Dämonische. Und wenn am Anfang sein kunstvoll mit Bauplänen tätowierter Torso als Signet der Serie erscheint, ist das bereits ein Statement: hier tritt einer als personifizierter Ausweg in Erscheinung, als physisch gewordener Weltenplan, dessen Totalität buchstäblich unter die Haut geht.

Jenseits der Topographie der Gefängnissphäre existiert nichts, sagt dieses Motiv, sie ist von den Figuren nicht zu trennen; ein phantasmagorischer Ort, der sich in die Helden einschreibt in dem Maß, wie sie ihn entdecken.

"Fremdes Fleisch" für Frauen

Der schöne Scofield-Darsteller Miller ist übrigens auch ein Magnet für weibliche Zielgruppen, die es ansonsten eher mit Serien wie "Desperate Housewives" und "Grey's Anatomy" halten. "Frauen verlieben sich momentan gleich rudelweise in den unanständig schönen Hauptdarsteller", schreibt eine Journalistin in der "Weltwoche" und zitiert eine seriensüchtige Freundin: "Das ist wie 'Baywatch' für Frauen. Mit dem Unterschied, dass ich mit meinem Mann kuscheln kann, während ich fremdes Fleisch anschiele."

Auch aus dieser Perspektive tritt die Semantik in den Hintergrund, triumphiert Form über Inhalt. Ein gute Figur machen heißt die Devise, gestützt vom Korsett einer so simplen wie suggestiven Plot-Idee.


"Prison Break", donnerstags, 22.15 Uhr, RTL

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