TV-Serie "Private Practice" Doktor Bridget Jones
Im US-Fernsehen läuft dieser Tage eine Automobilwerbung, die Kate Walsh am Steuer einer Limousine zeigt. "Die eigentliche Frage beim Autokauf", sagt die Schauspielerin mit gesenkten Lidern und einem lüsternen Lächeln, "lautet: Wenn Sie Ihr Auto anmachen - erweist es Ihnen dann dieselbe Ehre?" Es ist jene reife, aufregende, gefährliche Kate Walsh, die als Gynäkologin Addison Montgomery zum heimlichen Star der Erfolgsserie "Grey's Anatomy" wurde. Nun gibt es eine neue Kate Walsh: In "Private Practice", dem Spinoff von "Grey's Anatomy", erinnert die 40-Jährige weniger an Catherine Deneuve als an Jennifer Aniston - was erstaunlicherweise trotzdem sehr vergnüglich ist.
Eigentlich war Walsh mit einer Gastrolle im Seattler Grace-Krankenhaus von "Grey's Anatomy" angetreten - als entfremdete Mrs. McDreamy, in deren Noch-Ehemann Derek Shepherd (Patrick Dempsey) sich die junge Ärztin im Praktikum Meredith Grey (Ellen Pompeo) verguckt. Doch die Kalifornierin kombinierte Arroganz und Verletzlichkeit auf so anziehende Weise, dass die Serienautorin Shonda Rhimes sich entschloss, ihrer Addison Montgomery eine eigene Serie zu widmen. In der zieht die Kinderchirurgin aus dem regnerischen Seattle ins sonnige Los Angeles, um einer Gemeinschaftspraxis beizutreten. Neun Folgen wurden in den USA abgedreht, bevor der Autorenstreik die Produktion bis auf Weiteres lahmlegte, und jetzt sind sie auf ProSieben zu sehen.
Eine Warnung vorweg: "Private Practice" ist unverblümtes Popcorn-Entertainment, und man muss die Serie als solches genießen, um sie zu mögen. Nur unter diesem Vorwand nämlich kann man Rhimes verzeihen, dass sie Addison und ihre neuen Kollegen unter der kalifornischen Sonne zu emotional haltlosen Teenagern - wenn auch mit schicken Strandwohnungen und Medizinerdiplomen - degenerieren ließ, die es an Naivität glatt mit den "Friends" aufnehmen können.
Da ist zum Beispiel Violet Turner (Amy Brennemann), ein Psychowrack, die es nicht lassen kann, ihrem Ex tränenüberströmt hinterherzutelefonieren und in der Privatpraxis ausgerechnet als Psychiaterin residiert. Da ist das soeben geschiedene Paar Naomi und Sam Bennett (Audra McDonald und Taye Diggs), das in aller Unbedarftheit meint, den noch frischen Privatzwist vom Berufsalltag scheiden zu können. Da ist der Kinderarzt Cooper Freedman (Paul Adelstein), dessen auf blutjunge Bekanntschaften aus dem Internet beschränktes Liebesleben Bände über seine eigene männliche Reife spricht. Und da ist der blutjunge, knackige Surfer Dell Parker (Chris Lowell) an der Rezeption, der Hebamme werden möchte, vor allem aber den gut 20 Jahre älteren Medizinerinnen als Eyecandy dient. Und das sind bloß die Figuren.
Trotzdem möchte man Rhimes für den Enthusiasmus, mit der sie Melodram und Sitcom zu hochklassig produzierter Zuckerwatte verarbeitet, in Schutz nehmen. Immerhin stammt sie aus Chicago und mag es realitätsnah finden, dass in Kalifornien lauter versponnene, angeknackste oder sonst wie aus der Bahn schlingernde Doktoren eine schicke "Oceanside Wellness Clinic" über Wasser halten. Und dass die Figur der Addison, die im regnerischen Seattle verletzt und bedrückt, aber auch selbstbewusst und reif wirkte, unter der kalifornischen Sonne auf das emotionale Format einer Bridget Jones schrumpft, ist unter den Bedingungen nicht zu weit hergeholt (schon mal in einer fremden Stadt ein neues Leben angefangen?) "Dies ist die neue, post-McDreamy, post-McSteamy-Addison", sagt Kate Walsh in aller Deutlichkeit, und wenn man nicht die Maßstäbe von "The Sopranos" oder "Six Feet Under" anlegt, ist das Ganze für einen gemütlichen Mädels-Abend von hohem Unterhaltungswert.
Ein wunderbar albernes Vergnügen
"Private Practice" ist wenig mehr als die kalifornische Schwester von "Grey's Anatomy" - sonnigere, entspannte und insgesamt weniger lebensernste Ärzte navigieren ihr mehr oder weniger dramatisches Liebesleben zwischen medizinischen, psychologischen und sonstigen Notfällen. Addisons kalifornische Flamme ist der Alternativmediziner Pete Wilder (Tim Daly), den sie erst Mal in aller Form anrempelt: "Sie sind also der Quacksalber?" Pete gib mit Zen-gleicher Ruhe zurück: "Nein, ich habe ein Medizinstudium absolviert, ich bin lizenzierter Heilkräuter-Spezialist und habe fünf Jahre lang in China alternative Medizin studiert." Sie: "Sag ich doch. Quacksalber." Und so spickt Pete Addison mit einer Handvoll Akupunkturnadeln und kündigt beim Verlassen des Raumes an, sie werde sogleich einen Emotionsschub erleben, der ihren "psychischen Schmerz" löse. Im nächsten Bild sehen wir sie auf dem Behandlungstisch, Nadeln im Gesicht, Wut und Wehe hervorblubbern: "Hallo? Hey! Ich spüre keinen Emotionsschub! Ich spüre nichts... Ich spüre überhaupt nichts... Ich hasse L.A.!"
Wer schon mal in einer fremden Stadt ein neues Leben angefangen hat, wird hier unwillkürlich nach der Kleenex-Kiste von Violet greifen wollen. Gar nicht zu reden von den Momenten, in denen Addison über der Unerfüllbarkeit ihres Kinderwunsches brütet, eine Patientin unter dem Druck der vermeintlichen Schuld am Tod ihres Kindes zusammenbricht oder Pete einen seltenen Wutausbruch hat, als er die Erinnerung an seine verstorbene Frau zu verdrängen versucht.
Bei der amerikanischen Filmkritik ist "Private Practice" mehrheitlich durchgefallen. Doch es ist ein wunderbar albernes Vergnügen, einer gestandenen Frau (und ihren gestanden Mediziner-Kollegen) in ihren spät-pubertären Momenten zuzusehen. Rhimes hat ein Händchen für die genüssliche emotionale Manipulation ihrer Zuschauerinnen. Wenn Kate Walsh am Morgen ihres ersten Arbeitstages splitternackt aus der Dusche tanzt, nur um plötzlich durchs Fenster ihrem Reihenhaus-Nachbarn und alten Freund Sam ins Gesicht zu starren und, viel zu spät, zu Boden zu gehen, ist das ein bisschen "Ally McBeal", ein bisschen "Desperate Housewives" und genau die Sorte Fernsehunterhaltung, die einen fiesen Winterabend versüßt.
"Private Practice": ab heute Abend immer mittwochs, 21.15 Uhr, ProSieben