TV-Shows Der Sommer der Superstars
Hamburg - "Popstars" und "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) waren erst der Anfang - die anstrengende Talentsuche deutscher Fernsehsender erreicht in diesem Sommer erst ihren Höhepunkt. Noch nie war die Chance so groß, sein vermeintliches Können im Fernsehen zu präsentieren. Gleich vier Casting-Formate begeben sich auf die Spuren von DSDS (RTL) und suchen den Popstar von der Straße. Den Beginn macht dabei die ProSiebenSat.1 Media AG, die nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe zuletzt rund 1,2 Milliarden Euro Schulden zu verbuchen hatte. Inspiriert vom enormen Erfolg der RTL-Konkurrenz versucht Sat.1 nun mit einer eigenen Casting-Show, Quoten und Umsätze zu steigern.
Mit "Star Search - Das Duell der Stars von morgen" setzt Sat.1 auf ein in den USA erprobtes Format. Von 1983 bis 1995 lief die Talent-Show auf CBS und wurde unlängst erfolgreich neu gestartet. Heutige Superstars wie Alanis Morissette oder Britney Spears hatten in der US-Show ihre ersten Auftritte. In Deutschland sucht man nun ebenfalls nach solchen Talenten - und zwar gleich in vier verschiedenen Kategorien: Kinder, Erwachsene, Comedians und Models. Eine Jury - Comedy-Koryphäe Hugo Egon Balder, Schauspielerin und Ex-Model Alexandra Kamp und Pop-Sternchen Jeanette Biedermann - wählt gemeinsam mit dem Publikum aus 64 Kandidaten die vier Sieger aus.
Am 5. Juli startet die von Kai Pflaume moderierte Starsuche zur werbewirksamen Prime Time - schließlich rechnet Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann schon jetzt mit einer Refinanzierung des 13-teiligen Sendemarathons über Werbeeinnahmen. Zusatzgeschäfte wie CD-Verkäufe oder Zuschauer-Hotlines seien selbstverständlich ebenfalls jederzeit willkommen, wie der Senderchef am Dienstag verlauten ließ.
Die Castings für "Star Search" laufen bereits seit dem vergangenen Freitag, rund 40.000 Bewerbungsbögen wurden bis jetzt ausgefüllt. Ein großer Andrang, verglichen mit den rund 10.000 Bewerbern bei "Deutschland sucht den Superstar", aber immerhin gibt es bei "Star Search" weder Altersbeschränkung noch die strenge Konzentration auf Gesangs- und Tanzkünste. Übersättigung oder Konkurrenz fürchtet Sat.1-Sprecherin Kristina Faßler daher nicht: "Wir haben im Moment das vielfältigste und schnellste Format - eine Sendung für die ganze Familie", sagte sie gegenüber SPIEGEL ONLINE. Außerdem sei man mit dem Sendestart im Juli der Konkurrenz um mindestens einen Monat voraus. Und die ist in diesem Sommer wahrlich groß.
Auch das öffentlich-rechtliche ZDF nutzt nämlich den allgemeinen Casting-Hype und sucht ab 18. September "Die Deutsche Stimme 2003". Bis zum 6. Juni können sich deutschsprachige Sangestalente noch bewerben. In neun Shows darf dann das Publikum bestimmen, wer am Ende übrig bleibt. Der Spielfilmkanal ProSieben witterte ebenfalls seine Chance und erwarb von RTL 2 das Konzept der "Popstars". Der ersten erfolgreichen deutschen Casting-Sendung verdanken die Popgruppen No Angels und Bro'Sis eine bis heute andauernde Karriere. Nun soll ab August "Popstars - Das Duell" auf Pro Sieben starten: Zwei Bands - eine Girl- und eine Boygroup werden gecastet und müssen am Ende gegeneinander antreten. Im Herbst geht dann auch noch die zweite Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL auf Sendung, was vor allem wegen Dieter Bohlen, der sich ein zweites Mal bereit erklärt hat, in der Jury zu sitzen, erneut ein Quotenrenner werden dürfte.
Das Konzept der Casting-Shows, mögen sie auch unterschiedlich heißen, ist natürlich immer gleich - das Publikum wählt seinen Lieblingsstar und verschafft ihm damit einen Plattenvertrag und - durch die wochenlange Medienpräsenz - zumeist auch gleich eine hohe Notierung in der Hitparade. Musikalische Höchstleistungen wie die neueste, bei Elvis und Konsorten zusammengeborgte Single "Heartbeat" des DSDS-Drittplatzierten Daniel K., werfen also schon ihre Schatten auf die Herbst-Charts. "Was man daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen", meint Sat.1-Sprecherin Faßler diplomatisch. Während sie "Star Search" als "blanke Nachwuchsförderung" bezeichnet, muss man darin wohl vor allem eine findige Geschäftsidee sehen, die durch Merchandising und Werbung satte Gewinne bringen soll. Der Erfolg der ersten DSDS-Staffel wirkt dabei äußerst motivierend - knapp 13 Millionen Zuseher verfolgten die Gesangsdarbietungen von Alexander, Juliette, Daniel & Co.
Der Medienwissenschafter Lothar Mikos bremste jedoch unlängst in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa allzu große Erwartungen: "Fernsehmanager verbrennen im Übereifer viele Formate. Einen Superstar kann es höchstens einmal im Jahr geben." Und der heißt bekanntlich Alexander Klaws, auch wenn sich der DSDS-Gewinner zumindest in den Charts bereits von seinem Mitstreiter Daniel Küblböck geschlagen geben musste.
Doch auch wenn die Sender das Geschäft mit den Popstars schnell verschleißen werden, wird der Casting-Hype dem deutschen Fernsehzuschauer wohl noch eine Weile erhalten bleiben. In den USA flimmern bereits weiter führende Formate wie "StripSearch" über den Bildschirm - der Name ist pseudo-erotisches Programm. Die Produktionsgesellschaft Brainpool ("TV Total", "Ladykracher") soll sich bereits eine Option auf das Konzept gesichert haben.