TV-Thema Geschichte: Rambazamba Doku-Drama! - DER SPIEGEL
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TV-Thema Geschichte Rambazamba Doku-Drama!

Rette sich, wer kann: Das deutsche Fernsehen wird von Flutkatastrophen, Artilleriefeuer und Bombenhagel heimgesucht. Mit der heute auf Arte gesendeten Geschichtsdoku "Die Nacht der großen Flut" beginnt eine neue Großoffensive des Histotainments quer durch alle Kanäle.
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Das Wasser war dann irgendwann wieder weg, aber das Leben ist trotzdem nicht richtig zurückgekommen. Als die Elbdeiche am 17. Februar 1962 brachen und ganze Stadtteile im südlichen Hamburg überfluteten, starben 315 Menschen.

Familie Brandt hatte sich zwar auf das Dach ihres Hauses retten können, glücklich ist sie danach jedoch nicht wieder geworden. Aus der Nachbarhütte hatten sie die Todesschreie der alten Tante gehört, doch Vater Brandt traute sich einfach nicht, in die Fluten zu springen, um sie zu retten. Wahrscheinlich hätte ihn das Wasser sowieso fortgerissen. Seine Frau hat ihm trotzdem nie verziehen, über 40 Jahre später spricht sie nun vor der Kamera über ihre ungeheuerlichen Gefühle.

Die Geschichte der Familie Brandt ist eine unter vielen, die in dem von NDR und Arte produzierten Dokudrama "Die Nacht der großen Flut" rekonstruiert wird. Exzellente Darsteller (unter anderem Florian Lukas, Christiane Paul) waten in den Spielszenen durch geflutete Filmateliers - eindringlicher aber sind die Interviewpassagen, in denen Zeitzeugen über das Hochwasser berichten, das die Hamburger damals im Schlaf überrascht hat. Märtyrerposen sucht man hier vergeblich, stattdessen wird der Zuschauer Zeuge von Scham und stiller Verzweiflung.

Allerdings gibt es da auch diese problematische Szene am Anfang des Films, in der Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt Auskunft über die Ereignisse gibt. Schmidt, der damals als Hamburger Innensenator seine Führungsstärke unter Beweis stellen durfte, stellt erstmal klar: Das alles habe er im Krieg gelernt. In der Spielhandlung wird der Jungpolitiker dann von Ulrich Tukur als kettenrauchender Krisenmanager gespielt, ein Mann so effizient wie kaltschnäuzig - kein um Sympathie buhlender Held.

Reymond Leys "Die Nacht der großen Flut" ist ein bisschen anders als die Dokudramen, die man sonst zurzeit im Fernsehen sieht: ein norddeutsch-protestantisches Katastrophenpanorama. Erlösungsszenarien und emotionaler Überschwang haben darin keinen Platz. Die Menschen wachsen hier nicht unbedingt an den Ereignissen, sie gehen nicht gestärkt oder geläutert aus ihnen hervor. Dabei werden die großen Geschehnisse seit dem 2. Weltkrieg im Fernsehen hierzulande ja sonst vornehmlich als Prüfungen des Schicksals in Szene gesetzt.

Momentan gibt es einen regelrechten Run auf die letzten unausgeleuchteten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte. Deshalb bewirbt der NDR auch "Die Nacht der großen Flut" als ersten Film über das Hamburger Hochwasser von 1962. Gleich nächste Woche folgt mit der ZDF-Produktion "Die Luftbrücke" der erste große Fernsehbeitrag über die Luftversorgung Berlins durch die amerikanische Luftwaffe 1948. Überwacht wurde der Neunzigminüter vom ZDF-Geschichtswesir Guido Knopp, der in gewohnter Manier Zeitzeugenberichte, historische Aufnahmen und Spielszenen zu einer sich selbst erzählenden Geschichte tunen ließ.

Mit ihren Dokudramen zu Flutkatastrophe und Rosinenbombern liegen die Öffentlich-Rechtlichen gut in der Zeit; die beiden großen Privatsender ziehen thematisch nach: Sat.1 zeigt Ende November das zweiteilige Eventmovie "Die Luftbrücke", in dem die einmalige Versorgungsaktion als Setting für eine dramatische Liebesgeschichte herhalten muss. RTL sendet im Februar ein Spektakel zur Sturmflut, das die Ereignisse in ebenfalls zwei Teilen fiktional verdichtet.

Die Begeisterung der Fernsehmächtigen für historische Stoffe verwundert nicht. Über die letzten Jahre hat das TV hierzulande wenn auch nicht eine perfekt funktionierende Erinnerungskultur, so doch eine perfekt funktionierende Jubiläumskultur entwickelt. 2003 gedachte man im großen Stil an den 17. Juni, der sich damals zum 50. Mal jährte; 2004 feierten öffentlich-rechtliche und private Anbieter in einer nie da gewesenen Eintracht den 60. Jahrestag des D-Day, heuer beging man mit einem ebenso flächendeckenden Engagement das Jubiläum des Kriegsendes.

Als opulenter Nachhall dazu darf die Fernsehauswertung von Bernd Eichingers "Untergang", dem Eventmovie aus dem Führerbunker, vor ein paar Wochen gewertet werden: Rund sieben Millionen Zuschauer schalteten beide Teile des Historienfilms ein.

Doch nun sind erstmal alle Jahrestage zum Krieg abgearbeitet, und das deutsche Publikum lechzt weiter nach melodramatisch aufbereiteter Zeitgeschichte. Für den WDR dreht Hartmut Schoen gerade das Familiendrama "Kalter Sommer", das vom Bau der Berliner Mauer erzählt. Der Film wird Mitte 2006 zu sehen sein. Das ZDF geht dann zuvor noch mal in den 2. Weltkrieg zurück: Im Februar nächsten Jahres zeigen die Mainzer "Dresden", in dem die Bombardierung der Stadt den Hintergrund für eine Lovestory bildet.

Die großen Eventmovies stammen fast immer aus dem Hause TeamWorx. Die Big-Budget-Spezialisten, die einst mit dem Mauer-Thriller "Der Tunnel" für Sat.1 das Format des historischen Ereignisfernsehens in Deutschland eingeführt haben, setzen sowohl die zweiteiligen Geschichtsvisionen vom ZDF als auch die von RTL und Sat.1 um. Die Kosten belaufen sich jeweils auf bis zu acht Millionen Euro, eine für das deutsche Fernsehen sensationelle Summe. Stars und Stunts kosten eben. Zeitgeschichte bildet bei TeamWorks eine Art dramatischer Hintergrund, vor der Romanzen und Familientragödien umso heller leuchten. Schreibt man so TV-Geschichte? Die Historie wird es zeigen.


Neue Dokudramen und historische Event-Filme:

- "-Die Nacht der großen Flut" (Dokudrama), heute, 20.40 Uhr, Arte. Zweiter Sendetermin: 4.11., 21.45 Uhr, ARD

- "Die Luftbrücke" (Dokudrama): 1.11, 20.15 Uhr, ZDF

- "Die Luftbrücke" (Zweiteiliges Eventmovie): 27. + 28. November, SAT.1

- "Die Sturmflut" (zweiteiliges Eventmovie), Anfang 2006, bei RTL

- "Dresden" (Zweiteiliges Eventmovie), Anfang 2006, ZDF

- "Kalter Sommer" (Dokudrama zum Mauerbau), Mitte 2006, ARD

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