TV-Tipp: Politiker im Schauspielkampf - DER SPIEGEL
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TV-Tipp Politiker im Schauspielkampf

Der Dokumentarfilm "Das große Schauspiel“ zeigt, wie sich Politiker bei Show-Auftritten inszenieren und auch inszenieren lassen. Die Highlights des "Politainments" werden im Phoenix-Film aneinander gereiht und von Medienmenschen analysiert.
Von Alva Gehrmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei dieser Show macht jeder mit. Nicht nur Jürgen Möllemann, der nahezu täglich via TV mit seinem Fallschirm in deutschen Wohnzimmern landet, auch andere Politiker mischen kräftig mit: Rainer Brüderle geht zu Harald Schmidt Wein trinken ("Saufen mit Brüderle“), Angela Merkel plaudert mit Kerner, Lafontaine tanzt flippig auf moderne Musik, und Ministerpräsident Peter Müller zeigt sich engagiert beim Sackhüpfen.

Politiker betonen zwar immer, dass es ihnen um Inhalte und nicht um die Show gehe, dennoch wissen sie, dass die Inszenierungen für die Öffentlichkeit dazugehören. Das war schon immer so, doch in der heutigen Mediengesellschaft müssen die Politiker mehr Zeit dafür einsetzen, um langfristig gefragt zu sein. Der einstündige Film "Das große Schauspiel - Die Inszenierung der Politik im permanenten Wahlkampf", der am Montag um 20.15 Uhr auf Phoenix gezeigt wird, beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Politikvermittlung in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Die Autoren Stephan Lamby und Klaus Radke betrachten in ihrem Film das Wechselspiel zwischen Medien und Politik und die Sucht der Politiker nach perfekter Selbstinszenierung. Dazu haben sie Menschen befragt, die Inszenierungen beherrschen, aber selbst keine Politiker sind: Unter anderem Filmregisseur Dominik Graf, Viva-Gründer und Geschäftsführer Dieter Gorny sowie Politikwissenschaftler Hans Kleinsteuber.

Highlights der politischen Inszenierung

Für ihr "filmisches Essay", wie die Autoren ihren Film nennen, haben sie sich rund 1000 Sendungen angesehen: Talkshows, Parteitage, Pressekonferenzen und Bundestagsdebatten. Diese werden zerstückelt und wieder neu aneinandergereiht. Die Auswahl ist nicht überraschend. Wer viel fernsieht, dem sind die meisten Bilder vertraut, trotzdem werden hier die Highlights der bisherigen Shows präsentiert: Wie etwa der Auftritt von Edmund Stoiber bei Sabine Christiansen, die Möllemann-Karsli-Krise in der FDP, die Fußballbegeisterung der Politiker während der Weltmeisterschaft. Aber auch die zwei TV-Duelle oder die Empörung Roland Kochs bei der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Bundesrat, die CDU-Ministerpräsident Peter Müller später als "legitimes Theater" bezeichnet hat.

Schauspielern – das können sie alle. Und ohne das geht es heute in der Politik nicht mehr, dennoch ärgert sich Dominik Graf über die vorgetäuschte Emotionalität. In den Augen des Filmregisseurs ist kein Politiker authentisch. Die Frage ist nur, wer sich authentisch verkaufen kann und inwieweit sich der Politiker auf das Spiel einlässt – beziehungsweise ausnutzen lässt. Zum Beispiel Cem Özdemir wenn er bei "Zimmer frei" eine Biene spielt, die die Blume - in Gestalt von Moderatorin Christine Westermann – bestäubt.

Mit Westerwelles Auftritt bei "Big Brother" fing es an und für Autor Stephan Lamby ist der FDP-Mann "das Gesicht zu dieser Entwicklung". Sein Auftritt bei der Container-Show hat im Jahr 2000 bisherige Grenzen überschritten. "Das ist sehr populistisch gedacht, aber eine Strategie um Wählerschichten zu erschließen", sagt Dieter Gorny, Geschäftsführer von Viva dazu. Und das der "moderne Politiker ein Popstar" sein möchte.

"Politainment", nennt man das, wenn Politiker ihr öffentliches Erscheinen inszenieren. Sie setzen auf eine gute Pointe oder ein gutes Bild. Wie Edmund Stoiber, wenn er sich begleitet von Journalisten und Kameras mit seiner Tochter und den Enkelkindern im Legoland trifft. Der Film "Das große Schauspiel" beschreibt das Problem der Politiker: Beteiligen sie sich nicht am medialen Schaulaufen, werden sie nicht wahrgenommen – richten sie sich zu sehr darauf, werden sie gar nicht mehr ernst genommen.

"Früher gab es das Chefredakteursfernsehen und heute die Talkmaster", sagt auch Autor Klaus Radke, der Programmgeschäftsführer bei Phoenix ist. Es gäbe immer mehr Politiker, die über alles reden – nur nicht über Politik. Doch auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der kritisiert hatte, dass mittlerweile mehr bei Christiansen regiert wird, als im Bundestag, liefert schöne Bilder. Er ist eingerahmt zwischen Figuren der Sesamstraße zu sehen und lässt sich liebevoll vom Krümelmonster umarmen und durch die Haare wuscheln.

Blick auf die Kulissen

Vergangenen Montag ist der Film fertig geworden und nach der Beendigung gab es wieder Auftritte von Politikern, die zum Thema gepasst hätten. Wie zum Beispiel am Freitag die letzte Haushaltsdebatte vor den Wahlen, oder am Sonntag der gemeinsame Auftritt von Schröder und Fischer vor dem Brandenburger Tor begleitet von diversen Popbands. Doch "irgendwann muss man auch mal Schluss machen“, sagt Radke. Schließlich wollte man den Film vor der Bundestagswahl zeigen.

Die Sicht des Dokumentarfilms ist einseitig – keiner der Politiker kommt zu Wort. Doch das wollten die Autoren so. Stephan Lamby, der auch schon Filmprojekte über Wolfgang Schäuble während der CDU-Spendenaffäre sowie Helmut Kohl im vergangenen Wahlkampf realisiert hat, hat die Erfahrung gemacht, dass ein Blick hinter die Kulissen meist nicht funktioniert, "weil dann von den Medienberatern wieder neue Kulissen aufgebaut werden“. Den Autoren ginge es vielmehr darum die Spielarten und Muster zu verstehen und "bewusster mit dem Spiel umzugehen."

Im Anschluss an den Film um 21.10 Uhr diskutieren unter anderem Jürgen Leinemann (DER SPIEGEL), Tissy Bruns (Die Welt), Peter Glotz (Universität St. Gallen) und Regisseur Stephan Lamby über den Film und das Phänomen.