TV-Trend "Living History": Gute Burg, schlechte Burg - DER SPIEGEL
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TV-Trend "Living History" Gute Burg, schlechte Burg

Mit so genannten Living History-Formaten will die ARD an ihren Erfolg mit "Abenteuer 1900" anknüpfen. Geplant sind historische Seefahrten und Zeitreisen in die zwanziger Jahre. Das angeschlagene Reality TV rappelt sich wieder auf - als Geschichte light zum Mitmachen.
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Hamburg - Nach dem großen Erfolg der ARD-Zeitreise "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" setzt der Sender noch stärker auf so genannte Living-History-Formate. So sollen deutsche Bürger demnächst auf ein Auswandererschiff des 19. Jahrhunderts, in die zwanziger Jahre und ins Mittelalter versetzt werden, wie ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann gestern in Hamburg ankündigte. Das Format der lebendigen Geschichte sei reizvoll. "Das Gutshaus zum Beispiel hat uns Einblicke in Zustände einer Zeit gewährt, die heutzutage idealisiert wird", erklärte der Programm-Macher.

Gerade düstere Zeiten wie das Mittelalter scheinen die Zuschauer zu begeistern: "Wir haben 15.000 Bewerbungen", sagte Peter Dreckmann, Leiter der für "Abenteuer Mittelalter" verantwortlichen MDR-Redaktion Reportage. Zurzeit werde noch gecastet. Ab Mai sollen etwa zehn Zeitreisende in eine Burg in Thüringen einziehen, um dort sechs Wochen lang unter den Bedingungen des 15. Jahrhunderts zu leben. Das Format habe natürlich nichts mit der umstrittenen Prominenten-Show "Die Burg" auf ProSieben zu tun, betonte von der Tann. "Das, was wir senden, ist besser."

Dreckmann bestätigte, es habe sehr hochwertige Bewerbungen gegeben. Der Fokus solle wie beim Gutshaus auf die Lebensbedingungen des Gesindes gelegt werden. Die Sendung, die in Zusammenarbeit mit Arte produziert wird, wird im kommenden Winter zu sehen sein.

Schon im Frühjahr wollen ARD und Arte außerdem die mehrteilige Dokumentation "Windstärke 8" zeigen. Auf einem Traditionssegler reisten über 40 Menschen wie vor 150 Jahren nach New York. Um die Teilnahme hatten sich über 5500 Menschen beworben. Die Reise unter den Originalbedingungen von 1855 dauerte 70 Tage. An Bord gab es kein fließendes Wasser, keinen Strom und nur spärlichen Proviant. Im Mai und Juni beginnen dann die Dreharbeiten für "Sommerfrische", eine Zeitreise in die zwanziger Jahre. Interessierte können sich noch bewerben - als Hausmädchen oder Sommergast, Reitlehrer oder Stubenmädchen.

Die Vorabend-Dokuserie "Abenteuer 1900" hatte im Herbst Millionen vor die Fernseher gelockt. Ab März will die ARD das Format in veränderter Form auch am Abend zeigen, um es älteren und berufstätigen Zuschauern zugänglich zu machen. Während die ursprüngliche Fassung aus 16 Folgen von je 25 Minuten bestand, sollen im März jeweils um 20.45 Uhr sechs Folgen à 45 Minuten gezeigt werden. Die Dokumentation wurde komplett neu geschnitten. Für das Projekt waren im Frühjahr 2004 20 Frauen, Männer und Kinder zwei Monate lang in ein abgelegenes Herrenhaus in Mecklenburg-Vorpommern gezogen, um dort entweder als Herrschaftsfamilie oder als Gesinde einen Jahrhundertwende-Alltag zu bestreiten.

Ob "Living Histoy"-Formate tatsächlich das schwer angeschlagene Reality-Fernsehen auf Dauer wieder beleben können, ist allerdings fraglich. Die Quote der Reality-Sendungen war Ende letzten Jahres stark eingebrochen. So wurde die ProSieben-Job-Show "Hire or Fire" mit Endemol-Chef John De Mol schon nach einer Folge abgesetzt; das RTL-Pendant mit Ex-Fußballmanager Rainer Calmund kam am Ende nur auf 8,9 Prozent Marktanteil. Auch die Dating-Show "Bachelorette" (RTL) und die Männer-Resozialisierungssendung "Kämpf um Deine Frau" (Sat.1) gerieten zu Flops. Der "Tag der Ehre" (ProSieben), eine Racheshow unter der Anleitung der Boxer Dariusz Michalczewski und Graciano Rocchigiani, wurde stark gekürzt.

Als Gründe für die nachlassende Reality-Begeisterung geben Produzenten und Senderverantwortliche alles Mögliche an - vom schlampigen Handwerk über falsch gewählte Kandidaten bis zu mangelhafter Werbung und einer unpassenden Werbezeit. Dass, wie in Amerika, die Zuschauer genug haben könnten von Schnippel-Sendungen und zynischen Entlassungs-Shows und wieder mehr Fiction-Formate sehen wollen, dies dämmert den deutschen TV-Machern nur langsam. In diesem Sinne könnte auch "Living History" bald schon Geschichte sein.