TV-Trends: Das Prinzip Hoffnung - DER SPIEGEL
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TV-Trends Das Prinzip Hoffnung

RTL II setzt weiter auf Reality-TV. Nun sollen die Sehnsüchte von Kindern und Jugendlichen Quote bringen. Für "Teenstar" rief der Sender die 13- bis 19-Jährigen zum Massencasting.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Jaqueline vor vier Wochen beschloss, bei "Teenstar" anzutreten, wusste sie noch nicht, wie sie sich schminken sollte und was sie vorsingen würde. Nur eines wusste sie genau: "Wenn ich es schaffe, würde ich alles aufgeben ­ Freunde und Schule, logisch."

Doch so weit kam es zum Glück nicht. Der von RTL II in Aussicht gestellte Traum zerrann der 16-Jährigen nur eine Woche später während des Bewerbungssingens. Ihre Stimme hatte nicht wie erhofft "Peng" gemacht und die Jury bezaubert, sondern bloß gezittert. Jaqueline wurde nicht zur nächsten Runde eingeladen.

6900 Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren haben in den vergangenen Wochen dasselbe probiert wie Jaqueline ­ ein Star zu werden. Sie haben sich zu Hause beim Singen filmen lassen oder kamen zu einem der fünf Bewerbungstermine, die RTL II landesweit dafür anberaumt hatte.

Seit vorigem Sonntag können nun die besten 200 Bewerber im Wochenrhythmus dabei beobachtet werden, wie sie sich gegenseitig in Grund und Boden singen. Zwölf Folgen später, nach mehreren so genannten Auditions und einigen "Academy"-Wochenenden, wird im Juni ein Teenie übrig bleiben, der schon ein Star sein wird, bevor er nur einen Song produziert hat.

Wieder einmal setzt der Unterhaltungssender RTL II auf eines der "Reality"-Formate, die ihn bei Jugendlichen nachhaltig bekannt gemacht haben. Nach dem zuletzt stark schwächelnden Containerdrama "Big Brother" und den Casting-Schlachten bei "Popstars" sollen nun die Sehnsüchte von Kindern und Jugendlichen gute Quoten garantieren. Vorher musste sich der Sender allerdings noch eine Ausnahmegenehmigung beim Gewerbeaufsichtsamt und die Zustimmung der Eltern einholen ­ die Beschäftigung von Kindern unter 15 Jahren ist eigentlich verboten.

"Das Spannende an so einer Sache ist, die Masse zu beeinflussen", sagt Holger Roost-Macias von der Münchner Produktionsfirma Tresor TV, der "Teenstar" erfunden hat. Was neue Formate angeht, gilt Roost-Macias in der Branche als "Seher". Vor zwei Jahren kaufte er auf einer Fernsehmesse in Cannes das Format "Popstars". RTL II bescherte das ungeahnte Quotenhöhenflüge und elf junge Stars ­ die Mitglieder der Retortenbands No Angels und Bro'Sis. Allerdings kettete das Projekt sie auch für Jahre an Roost-Macias' Produktionsfirma.

"Teenstar" scheint nun die logische Konsequenz dieser Entwicklung, die gleichzeitig ungute Erinnerungen an Formate wie die "Mini-Playback-Show" auf RTL wachruft. Dabei leckten sich Kinderstars lasziv über die geschminkten Lippen, bevor sie überhaupt richtig sprechen konnten.

Roost-Macias, der Dutzende chancenloser Videos zwölfjähriger Mädchen bekam, die sich im Bikini vor der Kamera räkeln, sagt: "In der Sendung geht es darum, Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihre Träume verwirklichen."

Viel wichtiger als der eine Erfolg wird für die Dramatik der Sendung allerdings das reihenweise Scheitern sein. So wie es bei Jan Sichtig zu beobachten war, dem freundlichen blonden Finalkandidaten der zweiten Staffel von "Popstars". Weil Sichtig nicht richtig tanzen konnte, flog er nach dem Ibiza-Workshop aus der Show. Nun hat er Kurzauftritte in RTL-Trailern oder darf, wie vor vier Wochen in Berlin, nervöse "Teenstar"-Bewerber beruhigen.

In Berlin bewerben sich überwiegend Mädchen. Die meisten sind zwischen 14 und 16 Jahren alt. Viele wissen seit Urzeiten, wie man sich schminkt, welcher Pushup-BH am besten wirkt und welche Kindercasting-Agentur empfehlenswert ist. Sie versuchen Koloraturen, nur die Töne treffen sie nicht genau. Sie singen "I'm not a girl, not yet a woman" von Britney Spears, eine Art Soundtrack zu ihrem Leben. "Ihr müsst nur natürlich sein", rät Sichtig.

Zumindest einige Wochen lang konnte der 22-Jährige im vergangenen Sommer Millionen Jugendlichen vormachen, dass Aufstieg möglich ist. Nach diesem Prinzip funktioniert auch "Teenstar". Uwe Hasebrink, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, hält die Sendung deshalb für ein "Krisenformat". In Zeiten, da wenig Aufstieg möglich scheint, seien "prämierte Selbstinszenierungen im Fernsehen das einzige Erfolgsmodell". Bestes Beispiel sei der Quotenhit "Wer wird Millionär?", wo am laufenden Band Kurzzeitstars gekürt werden.

Besonders brutal kann Hasebrink die Castingshows allerdings nicht finden. Genauso inszeniert wie die Konkurrenzkämpfe in den Sendungen kommt Hasebrink die Aufregung darüber vor. "Das ist doch bloß ein Abbild der Gesellschaft."

Die 13-jährige Samantha bereitet schon seit Wochen ihren "Teenstar"-Auftritt vor. Weinrote Sandalen hatte sie sich dafür ausgesucht, doch damit ist sie vor Aufregung gerade erst mal die Treppe heruntergefallen. Jeden Abend übt sie im Tonstudio, das ihre Eltern im Keller für sie eingerichtet haben. Dort stehen sieben Gitarren, mehrere Mischpulte und CD-Rohlinge, auf die Samanthas jüngste Kompositionen gebrannt werden. An den Wänden hängen riesige Poster ihres letzten Konzerts in einem Taunus-Dorf in ihrer Nähe.

Auf dem Tisch im Keller liegt ihre Pressemappe. "Das Wichtigste ist, normal zu bleiben", steht darin. Ein normaler kleiner Star: Seit einigen Jahren darf sie wegen der Verletzungsgefahr nicht mehr Ski und Skateboard fahren. Ihr Name bedeute "die Gehorsame", sagt Samantha.

Neben Samantha sind 42 weitere Kandidaten zum ersten Bewerbungssingen in ein kleines Düsseldorfer Theater eingeladen. Am Vorabend überlegt sie noch, welche der 20 Nagellacksorten sie am nächsten Morgen benutzen soll. Ihr Vater sagt: "Nicht zu weit lachen morgen, wegen der Zahnlücke."

Jasmin Wagner moderiert die Aufzeichnung in Düsseldorf. Früher nannte sie sich "Blümchen" und war selbst ein "Teenstar". Von ehemals Tausenden Fans sind fünf geblieben, die im Windfang des Theaters auf ein kurzes "Hallo" ihres Idols warten. Den ganzen Tag.

Anders als beim offenen Casting von "Popstars", wo sich Hunderte Teenager durch Hotelfoyers schubsten und die Inszenierung mitunter außer Kontrolle geriet, kann in Düsseldorf die vermeintliche Authentizität in Ruhe vorgetäuscht werden. Mal wird hier ein wenig Nervosität nachgestellt, mal stehen dort wie zufällig Kleenex-Tücher zum Tränentrocknen bereit.

In den späteren Finalrunden soll sogar eine Psychologin in die Dramaturgie der Enttäuschungen eingebaut werden. Es ist Juliana Alon, die schon bei "Big Brother" als Alibi-Wissenschaftlerin zum Einsatz kam und in "Teenstar" nichts anderes sieht als "die professionelle Nutzung von Ressourcen". "Die Sendung", glaubt Alon, "ist die perfekte Hochbegabtenförderung im Musikbereich."

Schade nur, dass Musikalität in Düsseldorf nicht entschied. So beging Bewerberin 31 den Fehler, mit tadelloser Stimme aus einem Musical zu singen. Die Jury, anfangs etwas schwerfällig mit stringenten Begründungen ("Das Feeling kam nicht so rüber vom Gefühl", so der Produzent Toni Cottura zu einer abgelehnten Bewerberin), war sich sofort einig und senkte die Daumen. "Wie soll man das produzieren?", fragt Cottura vorauseilend. "Ein Musical-Typ passt hier nicht."

Wichtiger als eine gute Stimme scheint für ein Talent die Biegsamkeit im Sinne der Plattenindustrie zu sein. Man dürfe das "Marketingkalkül" der Sendung nicht vergessen, sagt Produzent Roost-Macias. Am Ende stehe schließlich ein Star, der "über vier Platten maximal fünf Jahre an uns gebunden ist". Wie bei No Angels und Bro'Sis wird Roost-Macias um den "Teenstar" ein engmaschiges Verwertungsnetz knüpfen ­ von CDs und Konzerten bis zum Merchandising von Handyschalen. Das Gros der Einnahmen werden sich die Produktionsfirma Tresor und RTL II fifty-fifty teilen.

Der junge Star wird von dem möglichen Millionenumsatz mit seiner Person so wenig sehen wie die Retortenbands vor ihm, deren Mitglieder mit ein paar tausend Mark Grundgehalt ruhig gestellt wurden.

Einzig die Zuschauer könnten das Vermarktungskalkül der Produzenten ein wenig stören. Während die Jury bei den Auditions nämlich nur eine "Orientierungshilfe" gibt, wählt den "Teenstar" am Ende das Fernsehpublikum. Der jüngste Ausreißer war erst vor wenigen Wochen in Großbritannien zu beobachten. Dort begeisterten zwei junge Gesangstalente vor allem die weiblichen Zuschauer so sehr, dass sie die beiden zu ihren "Pop Idols" wählten. Die einzigen Inszenierungspannen: Der eine war schwul, der andere stotterte.

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