Leben in Sendai: Aufräumen und Abwarten
Überleben in Sendai Trauer, Verzweiflung, Wut? Keine Zeit!
Als das Erdbeben einsetzte, war ich gerade bei den heißen Quellen in Sakunami, gut 20 Kilometer entfernt von meinem Zuhause in Sendai. Ich spielte Gastgeber für ein Pärchen aus Großbritannien. Und genau in dem Moment, als ich mich mit Ben, dem Mann, ins Wasser der Außenbecken gleiten ließ, rieselte Pulverschnee von den Felsbrocken um uns herum.
"Ein Erdbeben, ein großes", warnte ich Ben und schob ihn in die nahegelegene Herrenumkleide. Ohne mir die Mühe zu machen, mich abzutrocknen, warf ich mir den Bademantel über, und während ich mir mit zittrigen Händen den Gürtel umband, wurde mir schockartig klar, dass das große Erdbeben, das man so lange schon für die Provinz Miyagí vorhergesehen hatte, sich nun wahrhaftig ereignete.
Das Beben der Erde war heftiger und länger, als ich es je zuvor erlebt hatte. Wie ich später erfuhr, handelte es sich nicht alleine um das prognostizierte Miyagi-Beben - die Erschütterungen stammten auch aus Regionen vor den Küsten von Iwate und Fukushima. Sechs Minuten bebte die Erde.
Aus der benachbarten Damen-Umkleidekabine hörten wir Schreie, und schließlich stand Bens Frau Liz vor uns, gestützt von meiner eigenen Ehefrau. In Großbritannien sind Erdbeben selten, und ich konnte den Schrecken in Liz' Augen sehen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel Richtung Sendai, der größten Stadt nahe dem Epizentrum, waren eingestellt; die Handys funktionierten nicht mehr, der Informationsfluss war vollkommen zusammengebrochen. Man ließ uns netterweise die Nacht in der Ferienanlage verbringen, und am nächsten Morgen nahm uns ein junger Tourist aus Tokio mit zurück nach Sendai. Die Straßen waren aufgerissen, und an manchen Stellen blockierten Trümmer zusammengestürzter Häuser die Straßen. Die Fenster größerer Gebäude waren zersplittert, die Dachziegel waren auf den Boden gestürzt, ältere Betonwände stellten nur noch Schutt dar.
Hell leuchten die Sterne
Vor meinem inneren Auge spielten sich Katastrophenszenarien ab, aber ganz ehrlich: Mir kam das Ausmaß der Zerstörung am Anfang überschaubar vor. Als ich mein etwas höher gelegenes Zuhause erreichte, fand ich das Schloss aufgebrochen vor. Der Boden war mit Büchern bedeckt, CDs waren aus dem Regal gefallen. Aber alles war trocken, und es gab erst mal nichts, was mich daran zweifeln ließ, dass die Katastrophe so groß nicht war.
Tokio in der Katastrophe: Metropole in Schockstarre
Doch meine Sicht änderte sich komplett, als ich, nach und nach, Informationen über die Dimension der Verwüstung im Rest der Region mittels meines kleinen Batterieradios erhielt, meiner einzigen Informationsquelle während des Blackout. Die Pazifikküste von Nordjapan hat einigen Tsunamis standgehalten, sogar dem, der 1960 durch ein Erdbeben der Stärke 9,5 in Chile ausgelöst worden war, und Katastrophenschutz ist Alltag in der Region. Aber dieses Erdbeben hatte eine Zehn-Meter-Welle ausgelöst, die ganze Städte mit sich riss. Die Opferzahlen werden in die Zehntausende gehen. So etwas hatte sich niemand vorstellen können.
Wir hatten weder Gas noch Wasser, und unsere einzige Lichtquelle in dieser Nacht waren Kerzen und der Mond. Die Lichter der Stadt waren erloschen, am Himmel leuchteten umso heller die Sterne. Als ich am nächsten Morgen zur Küste runterschaute, erkannte ich voller Grauen, dass ganze Viertel am Meer schlicht und einfach verschwunden waren. Viele unserer Freunde lebten dort. Jetzt konnte ich in der Entfernung nur noch die Bäume sehen, die einst gepflanzt worden waren, um die Küste zu schützen.
Eine Gefahr, die man nicht sehen kann
Meine Mutter, die ganz in der Nähe wohnt, war in einer Notunterkunft untergekommen, wo man sich Reisbälle teilte und mit der Kälte klarzukommen versuchte. Viele husteten. Die Notunterkunft war heillos überfüllt, weshalb sich meine Mutter entschloss, mit zu mir und meiner Frau zu kommen. Auf dem Weg nach Hause kamen wir an einer Tankstelle vorbei, wo sich eine Schlange mit Leuten gebildet hatte, die hofften, sich ein wenig von dem rationierten Benzin abzapfen zu dürfen.
Nach und nach erfuhren wir die Neuigkeiten über das benachbarte AKW in Fukushima, über die Wasserstoffexplosionen und Strahlenlecks. Nun breitet sich eine unsichtbare Verseuchung aus. Die Leute haben eine Begierde für neue Technologien entwickelt, die das menschliche Fassungsvermögen weit übersteigen. Die Rechnung, die wir für diese Begierde zahlen, ist zu teuer.
In dem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, gibt es immer noch Nachbeben. Bei seiner Verabschiedung sprach Ben von "stillem Chaos". Und es stimmt, die Menschen in Sendai begegnen der Katastrophe mit großer Ruhe. Das hat weniger mit der unaufgeregten Art zu tun, die den Leuten im Norden des Landes eigen ist, als damit, dass sie die Katastrophe noch nicht recht fassen können. Es war noch keine Zeit für Trauer, Verzweiflung und Wut.
Bevor ich Schriftsteller wurde, habe ich zehn Jahre als Elektriker gearbeitet. Dann bekam ich eine Asbestvergiftung. Der Großteil meines Jobs bestand darin, durch Tokio zu fahren und Lampen zu reparieren, Straßenlaternen genauso wie Hausbeleuchtungen. Eine beleuchtete Stadt gibt mir deshalb noch immer ein großes Gefühl von Sicherheit. Wird sich dieses Gefühl je wieder bei mir einstellen?
Der Text stammt aus der "New York Times".