Uli Hoeneß als Symbol des Kapitalismus - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Der Kritiker Das Gesicht des Unbehagens

Stellvertreter am Pranger: Das vage als böse empfundene kapitalistische System kann man nicht verurteilen, also muss Uli Hoeneß herhalten. Der Fall kaschiert die Ohnmacht, die viele angesichts von Rating-, Troika- und Dax-Übermacht verspüren.
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Das ist der Roman dieser Tage. Da ist jemand, der strahlt und strauchelt, beliebt und gehasst, getrieben von einer Energie, die atemlos macht. So verfolgt das Publikum das Spektakel. Er ist einer von ihnen und doch nicht, er hatte eine Funktion für sie, nun hat er eine andere.

Viele wundern sich, viele wussten es schon immer, viele fühlen sich bestätigt, und auch darum geht es ja in Gerichtsverfahren - eine symbolische Ordnung wiederherzustellen mit einem symbolischen Täter, wie ihn die Gemeinschaft ab und zu braucht, um sich als Gemeinschaft zu definieren.

Sie finden sich in ihrer Erbostheit, sie erkennen sich in ihrem Ärger, und auch deshalb hat die "Bild"-Zeitung, die doch vor allem dazu da ist, den niedrigsten Konsens mit den niedrigsten Mitteln herzustellen, so laut und klar den Kopf des Angeklagten gefordert: Was ist ein Leben, das war die Frage, die laut hinter der Schlagzeile hervorragte, und was braucht es, dass ein Leben bricht?

Das war der Schauder, der sich im Tickertempo verbreitete, messbar, live und medial gut herstellbar mit den neuesten Methoden: wie froh sie sind, dass er es ist und nicht sie, wie froh sie auch sind, dass er nicht besser ist als sie - das ist der Alltagsjakobinismus, den es schon vor Facebook und Robespierre gab.

Das Gericht als effektive Konsenskammer

Da ist immer auch Häme dabei, darüber muss man sich nicht wundern, und das Recht ist ein Versuch, dieser Häme eine höhere Form zu geben, die den Einzelnen, aber auch die Gemeinschaft schützt: Da können die Politiker noch so viel reden, und deshalb schwiegen sie am Ende auch dazu, ein Gerichtssaal ist eine effektivere Konsenskammer als ein Parlament.

Dass der Täter in diesem Fall etwas fast Normales getan hat, trotz der ungeheuerlichen Summen, verstärkte diesen Aspekt noch: Die Steuererklärung ist das, was den Bürger deutlich und nachvollziehbar zum Bürger macht, sie betrifft den emotionalen Kern im Verhältnis zum Staat, das Teilen, die Gerechtigkeit, das Wesen selbst des Staates - und auch weil dieser Staat mehr in der Krise ist, als es oft scheint, war der Aufruhr um den Münchner Prozess so groß.

Es sind Stellvertreterdiskussionen, die die Schlagzeilen, die Brennpunkte, die Hysterie erklären - und auch Ablenkungsmanöver, weil die vielen anderen, komplizierten Geschichten dadurch verdrängt werden: Aber zu Steuerhinterziehung kann jeder eine Meinung haben, zur Russland-Politik, der Bankenkrise, der Energiewende oder den Konflikten in der Türkei oder Venezuela ist das schon schwieriger.

Hier nun war ein Mann, der an der Börse "gezockt" hatte, einer, der in dem sehr vage als böse empfundenen kapitalistischen System die Grenzen getestet hatte, seine eigenen, aber auch die des Systems - und weil man eben ein System nicht verurteilen kann und nicht kriminalisieren will, dient dieses Urteil dazu, einen Teil der Ohnmacht zu kaschieren, den viele angesichts von Rating-, Troika- und Dax-Übermacht verspüren.

Abreagieren und Ausagieren

Ein demokratischer Rechtfertigungsdruck lag damit auf diesem Prozess, weil ein doppeltes Unrecht zu verhandeln war - ein individuelles, das mit Gier und Sucht leicht pathologisch und psychologisch fassbar zu werden schien, und ein strukturelles, das mit der Höhe der Summen zusammenhing und sich weitgehend dem Verstehen und damit auch der Veränderbarkeit zu entziehen scheint.

Das war die Spannung, die diesen Prozess durchzog, das war der Konflikt, für den es eine Lösung geben sollte, bei der es weniger um Gerechtigkeit und mehr um Ruhe als gesellschaftliche Kategorie ging: Es war, bis zur klassenkämpferischen Hetze der "Bild"-Zeitung, ein Abreagieren und ein Ausagieren von Ängsten und Problemen, die gar nicht allzu viel mit dem Angeklagten zu tun hatten - anders lässt sich die alles beherrschende mediale Wirkung des Falls kaum erklären.

Und so ist das Porträt des verurteilten Täters auf den Titelseiten eine Ersatzbefriedigung für tieferliegende Unzufriedenheit. Die wird damit nicht beseitigt sein, sie wird aber weniger spürbar, sie wird handhabbar, sie ist verbunden mit der Erinnerung an dieses Gesicht, an diesen sonnigen Tag im März 2014, an das Warten auf das Urteil und die seltsame Entladung der Emotionen danach.

Dieser Prozess war ein Spiegelbild weniger der Moral als der moralischen Sehnsüchte, eine ideale Projektionsfläche für so ziemlich alles.